Chile – Teil 2

 

Reisezeit: 01.04.2021 – 19.04.2021

 

Die Einreisebestimmungen können im Vorbericht eingesehen werden.

 

Wir verbringen zwei Tage mit Monika und Sepp auf dem Nomads Desert Camp, das zehn Kilometer von San Pedro de Atacama entfernt liegt. In dieser Zeit habe ich beide Verlängerungsanträge für unsere Visa an die Einwanderungsbehörde (https://tramites.extranjeria.gob.cl/) abgeschickt. Da dies ein paar Tage dauert, fahren wir in der Zwischenzeit in die Berge, wo sich ein Vulkan neben dem anderen aufreiht. Am bekanntesten ist wohl der ruhende Licancabur, der 5920 Meter hoch ist und an der Grenze zwischen Bolivien und Chile liegt.

 

San Pedro de Atacama, ein kleiner Wüstenort, in dessen Umgebung Salzpfannen, viele Vulkane, Geysire, heiße Quellen und wunderschöne Täler zu entdecken sind, ist uns nicht unbekannt. San Pedro liegt auf einem trockenen Hochplateau in den Anden. Die Luft wird hier schon dünner, schnelles Gehen ist vorerst nicht angesagt. Die Luft ist so trocken – im Durchschnitt wird sie offiziell mit 21 Prozent angegeben – dass unsere Nasenschleimhäute innerhalb weniger Minuten austrocknen. Unsere Haut schreit laut Hilfe, denn schon nach kurzer Zeit sieht man wie ihr die Feuchtigkeit entzogen wird und sie sich anfühlt wie auf dem Boden raschelndes, welkes Laub. Wir benötigen Unmengen an fettenden Cremes.

 

Anfang April erfasst uns eine unerfreuliche Nachricht. Covid-19 macht auch vor den vielen, bereits zweifach geimpften Chilenen keinen Halt. Die Zahl der Infizierten steigt bis auf über 8000 pro Tag an. Der Gesundheitsminister räumt Fehler ein und man spricht bereits von einem Rücktritt. Die Fluggesellschaft Latam, die einst chilenisch war und nach der Pleite chilenisch-brasilianisch geführt wird, annulliert sämtliche Flüge. Chilenen sowie ansässige Ausländer dürfen nur unter bestimmten Voraussetzungen das Land verlassen. In den Ferienmonaten Januar und Februar sind einige Brasilianer nach Chile gereist und man vermutet, dass sie den bereits mutierten Virus eingeschleppt haben. Die Regierung hat, trotz der weltweit warnenden Informationen und den erschreckend hohen Infizierten in Brasilien, keine Reißleine gezogen und bekommt nun die Quittung dafür. Ab 21 Uhr am Ostermontag beginnt eine nationale Ausgangssperre, Chilenen und ausländische Bewohner dürfen das Land nicht mehr ohne triftigen Grund verlassen. Wer nun nach Chile einreisen möchte, muss sich auf eigene Kosten in ein von der Regierung genanntes Transit-Hotel begeben und dort eine fünftägige Quarantäne absolvieren. In dieser Zeit wird ein PRC-Test gemacht, der entscheidet, wie man mit dem Reisenden weiterverfährt. Viele der großen Städte sind bereits wieder in den Zustand der Quarantäne gesetzt. Das Reisen wird dadurch nicht unbedingt leichter. Alles keine rosigen Aussichten. Für uns gibt es allerdings den Lichtblick, dass wir bereits nach vier Tagen die Bestätigung und Zahlungsaufforderung für unsere verlängerten Visumsanträge erhalten haben und nach insgesamt zehn Tagen haben wir die so begehrten Dokumente.

 

In der Zwischenzeit unternehmen wir eine kleine Tour von ungefähr einhundert Kilometern. Die Fahrt in die Hochebenen der Anden ist einzigartig. Wir kommen vorbei an Salzlagunen, die von unterschiedlichen Wasservögeln und Vicuñas besucht werden. Ihre schöne blaue Farbe wird umrandet von einem reflektierenden weißen Salzrand. Unweit davon liegt der kleine Ort Machuca, der sich selbst in Quarantäne versetzt hat und Besucher nicht gestattet einzutreten. Die Spezialitäten, die den Ort so begehrt machen, sind Käse-Empanadas (Empanadas de queso) und Lamafleischspieße (Anticuchos de llama). Die kleine Adobe-Kirche ist von einer Mauer umgeben, zwei Glocken sind im Turm zu erkennen und um die Kirche zu erreichen, muss man einige Stufen zu ihr hinaufgehen. Sie liegt an einem Hügel und wird des Morgens von der Sonne angeleuchtet. Wir respektieren den Entschluss der Bewohner und fahren an dem kleinen Ort vorbei. Wir machen eine kurze, aber steile Berg- und Talfahrt. Als wir oben ankommen, raubt es uns den Atem – nicht nur wegen der dünnen Luft, sondern wegen der sich im Hintergrund aneinander reihenden, schneebedeckten Berge und dem einzigen, wie ein Schornstein rauchenden Vulkan, der durch seine kreisrunde Krateröffnung auffällt – dem Vulkan Putana. Unweit davon liegt die Vega de Putana, ein weiterer Salzsee, der von Puna-Enten mit ihren erkennbaren blauen Schnäbeln, von Andengänsen, Teichhühnern und kleineren Wasservögeln bewohnt wird. Eine gigantische Kulisse im Altiplano. Die Piste B-245 führt uns weiter bis zu den Geysiren El Tatio, die auf 4300 Höhenmetern liegen und leider wegen der Pandemie bis auf Weiteres geschlossen sind. Unsere Rundfahrt können wir nicht fortsetzen, weil ein Teil der Piste wahrscheinlich wegen eines Erdrutsches nicht mehr zugängig ist. Nun treten wir die Rückfahrt an, die Sonne ist bereits weit vorangeschritten und zeigt die Berge in einem noch schöneren Bild. Gegen Spätnachmittag erreichen wir unser Nachtlager auf 3030 Metern Höhe, uns gegenüber liegt imposant der Vulkan Licancabur.

 

Einige Tage später starten wir erneut in die Anden. Dieses Mal ist es der Paso de Jama, den wir im Visier haben. Wer in San Pedro de Atacama war und zum Licancabur und dem Pass aufsieht, der weiß wie steil diese Strecke ist. Unser Reisegefährt schnauft mit jedem Höhenmeter wie eine alte Dampflokomotive und bewegt sich wie eine Schildkröte vorwärts. Ich sehe schon vor mir wie sich die Kolben stampfend auf- und abbewegen, dem Motor viel abverlangt wird und dunkelgrauer Qualm dem Auspuff emporsteigt. Mein Riechorgan ist sehr empfindlich und irgendwann steigt mir ein Geruch in die Nase, der mir gar nicht gefällt. Ich spreche Walter darauf an und als ich es gerade ausgesprochen habe, da steigt dichter Dampf um uns herum auf. Sofort stoppen wir unser Fahrzeug und stellen den Motor ab, die Kabine wird abgekippt und da strömt das Wasser wie bei einer Fontäne aus einem der 25-jahre alten Kühlschläuche. So etwas passiert natürlich nicht unter normalen Umständen, sondern eben in 4467 Höhenmetern. Jetzt schnauft Walter ebenso wie unser Reisegefährt zuvor – ich natürlich auch. Naja, und wie es so ist in einer gut geführten Heimwerkstatt, haben wir Ersatzschläuche dabei und nach einer Stunde ist alles repariert und wir setzen unsere Fahrt fort. Als die letzte Steigung kommt, fahren wir durch einen schmalen Korridor, als vor uns eine wellenförmige Landschaft auftaucht und anschließend unterschiedliche Felsformationen in der Ferne auszumachen sind. Wir lassen sie vorerst sprichwörtlich links liegen und fahren auf den Salar de Tara zu. Leider ziehen sich die Wolken am Himmel mehr und mehr zu, so dass die Farben der Berge und das leuchtende Weiß der Salzränder nicht so schön zur Geltung kommen. Bis zur Laguna Quisquiro fahren wir, wo wir eine Kaffeepause einlegen. Ich nehme mir die Kamera und marschiere los, weil ich bis an die Wasserstellen möchte, die ich vom Fahrzeug aus gesehen habe. Ich laufe und laufe und laufe und denke mir, das war doch nicht so weit. Na, ich gehe einige Meter weiter, aber es taucht noch immer nichts vor mir auf. Sollte ich eine Fata Morgana gesehen haben? Haben mir Luftspiegelungen einen Streich gespielt? Ich habe auf jeden Fall keine Lust mehr, zumal ich kein Wasser mitgenommen habe, weil der Weg ja nicht so weit aussah. Also drehe ich wieder um. Nach dem Kaffee und Keksen treten wir unsere Rückfahrt an und kommen erneut an den seltsamen Felsformationen vorbei. Wir biegen von der Hauptstraße ab und gelangen zu den Monjes de la Pacana, die einzigartig, vom Wind und dem Sand geformt, in der Umgebung emporragen. Jede Felsformation sieht aus wie von einem Bildhauer geschlagen. Wegen ihrer Ähnlichkeit zu den Figuren der Osterinseln sind sie auch bekannt unter dem Namen Moais de Tara.

 

Als wir vor Jahren die Lagunenroute gefahren sind, haben wir meiner Meinung nach einen Punkt verpasst, an dem wir die 5000er Höhenmarke passiert haben. Walter denkt nicht so und versteift sich darauf, dass es doch möglich sein muss, diese Marke irgendwo auf dem Weg zu erreichen. In der Nähe des Cerro Toco führt eine schwach erkennbare Piste in die Berge. Wir fahren und fahren und geben beinahe die Hoffnung auf, als das Navi plötzlich nach und nach die Höhenangabe verändert. Ich zähle 4997, 4998, 4999, 5000. Als wir für ein Foto stoppen, springt das Navi noch auf 5007 Meter um, Walter steigt aus, macht Luftsprünge und endlich können wir wieder nach Hause fahren, zu unserem Stellplatz am Licancabur.

 

In San Pedro de Atacama gehen wir das Wasserproblem an. Auf Empfehlung von Sepp halten wir einen Wasserwagen an. Unser Einfüllstutzen ist aber kleiner als der Füllschlauch. Wie alle Menschen in diesen Ländern, hat der Fahrer eine Lösung, wie wir das Wasser in unsere Tanks füllen können. Eine kleine Trinkflasche wird aufgeschnitten, der dicke Schlauch hineingelegt, alles mit Klebeband zusammengehalten und nun heißt es „Wasser marsch“, natürlich langsam, damit die Luft ab und an aus den Tanks entweichen kann. Wir bezahlen einen Obolus von 5000 chilenischen Pesos und unsere Tanks sind mit Grundwasser gefüllt. Zurück an unserem Stellplatz, will Walter noch etwas am Fahrzeug erledigen. Dabei hört er manchmal etwas rascheln und sieht sich bewegende Schatten. Als er unter das Fahrzeug sieht, erschrickt er, denn da steht sehr nah ein Fuchs vor ihm, der wohl keine Angst vor Menschen hat. Walter gibt dem Fuchs etwas zu fressen und ahnt nicht, was er damit auslöst. Der Fuchs nimmt nämlich an, bei jedem Rascheln etwas zu essen zu bekommen. Als dem nicht so ist, versucht er Walter mehrfach in die Füße zu beißen. Vielleicht schmeckt ja so ein Menschenfuß auch nicht schlecht. Der Fuchs wird jedoch immer dreister und lässt nicht mehr locker, bis wir ihn etwas harscher davonjagen müssen. Nur des Nachts kommt er noch vorbei und sucht nach Fettresten, die wir in der Pampa entsorgen.

 

Als nächstes liegt der Paso Sico vor uns. Wir suchen uns auf 2700 Metern ein Nachtlager, um uns weiterhin an die Höhe anzupassen und nicht zu schnell auf 4000 Metern oder mehr zu fahren. Gigantisch, was für Sonnenuntergänge wir hier genießen. Nicht die Sonne an für sich, sondern die Farben, in die die Berge getaucht werden. Wie die letzten Tage geht es erneut bergauf. Wir kommen an den wunderschönen Lagunen Miscanti und Miñiques vorbei, die leider zurzeit geschlossen sind. Dunkelgelb leuchten die Gräser vor dem Vulkan Miñiques.

 

Wir lassen eine bereits wunderschöne Landschaft hinter uns, fahren weiter in die Anden hinein und als es wieder ins Tal geht, taucht vor uns eine noch viel schönere Landschaft auf. Die Laguna Aguas Calientes mit den Bergen Caichinque und Médano liegt vor uns, als wäre es ein Gemälde, das wir uns in einer Galerie ansehen. Das Wasser in der Lagune reflektiert die Sonne. Wir sind beide begeistert von dieser einmaligen Schönheit, die die Natur geschaffen hat und deren Schönheit vor den Menschen geschützt werden muss. Schilder, die die Zufahrt verbieten, und Wachpersonal an diversen Punkten achten auf die Ignoranten. Die Laguna Tuyajto liegt nur einen Katzensprung von Aguas Calientes entfernt und sie blendet uns, sobald wir über die Kuppe fahren. Schneeweiße Salzränder umgeben die Lagune und die azurblaue Farbe des Wassers sticht aus der Mitte der Lagune hervor und das Wasser funkelt in der Sonne wie ein Diamantenmeer. Es sind so viele Eindrücke, die auf uns einwirken und als wäre dies nicht ausreichend, gibt es noch die Piedras Rojas am Cordón de Puntas Negras. Um nicht zu spät zurückzukommen, machen wir uns noch bei Tageslicht an die Rückfahrt. Vicuñas ziehen an den Lagunen vorüber und verabschieden sich mit eindrucksvollen Erinnerungen von uns und wir verabschieden uns vorerst von euch.

 

Also bis dann, wir melden uns wieder.

 

Die 2