­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Chile – Endlich wieder frei – naja, halb frei.  

 

Reisezeit: 18.01.2021 - 31.03.2021

Visum: Wir bekommen am Flughafen kostenlos 90 Tage und können einmal um weitere 90 Tage für 100 USD pro Person verlängern.

Carnet de Passages: Wir können das TITV während der Pandemie jeweils um 3 Monate verlängern lassen, zum Schluss wurde die Resolución 1179 angewandt.

Währung: Chilenischer Peso (CLP). 1 Euro = 875 CLP.

Diesel: 574 CLP/l.

Benzin: 595 CLP/l.

Bargeld: An vielen ATM bis 200000 Pesos mit bis zu 7000 Pesos Gebühr pro Vorgang. In Monte Patria konnten wir sogar 400000 Pesos ziehen mit einer Gebühr von 5500 Pesos pro Abhebung.

Kreditkarten: Große Akzeptanz von Visa und Master.

Fahrzeugversicherung: Wir haben eine Versicherung für die Mercosur-Staaten abgeschlossen, siehe unter Rubrik Infos.

Straßengebühr: Auf den Hauptverbindungen wird eine Straßengebühr verlangt. Je nach Region bis zu 6000 Pesos für unsere Fahrzeuggröße.

Weitere durch Corona bedingte Verpflichtungen (von Deutschland aus, da sich die Zeiten aus anderen Ländern kommend evtl. ändern können):

1.     Eine Auslandskrankenversicherung ist zurzeit Pflicht und muss Corona-Erkrankungen bis zu 30.000,00 Euro abdecken. 

2.   Ein negativer PCR-Test (kein Schnelltest), der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Dieser sollte sichtbar als PCR-Test gekennzeichnet sein, den Namen des Laborinstitutes, das Datum der Abnahme und natürlich den eigenen Namen und Geburtsdatum enthalten, vielleicht sogar die Passnummer.

3.   Man muss online ein c19-Dokument (https://www.c19.cl/en.html) für Chile ausfüllen, nicht älter als 48 Stunden.

4.     Wenn man über Madrid fliegt, benötigt man zusätzlich das Spain Travel Health Dokument (https://www.spth.gob.es), das man vor Ankunft online ausfüllen muss.

 

Während unserer Quarantäne, die wir bei unseren Freunden Inés und Holger verbringen, werden wir tatsächlich eines Tages von einer Dame des Gesundheitsministeriums besucht. Die Dame trägt ordnungsgemäß einen Mundschutz, unter ihrem Arm klemmt ein Aktenordner und sie ist sehr freundlich. Sie fragt nach unserem Gesundheitszustand und ob wir Corona typische Veränderungen an uns bemerken würden. Nachdem wir alles verneinen, füllt sie ihre Formulare aus, gibt uns zu verstehen, dass wir am Sonntag die Quarantäne verlassen dürfen. Inés ist darüber sehr überrascht; nie hätte sie angenommen, dass tatsächlich mal jemand vorbeikommen würde, um das zu kontrollieren.

 

Eines späten Nachmittags beginnt es plötzlich laut zu grollen und unser Fahrzeug wackelt wie Espenlaub im Wind. Es hört nicht auf, hält für gefühlte mehrere Minuten an. Das Beben wird stärker und in meinem Magen steigt Unwohlsein auf. Als alles vorüber ist, staunen wir nicht schlecht. Das war bislang unser stärkstes Erdbeben, das wir in Chile erlebt haben. 5,8 wird als Stärke angegeben und das Epizentrum befand sich gerade mal 41 Kilometer nordöstlich von unserem Standort in den Kordilleren der Anden. Wir unterhalten uns mit unseren Gastgebern über das Beben, doch alle lachen nur. Das war noch kein Beben, darüber spricht der Chilene erst gar nicht. Aha! „Wenn du kaum noch auf deinen Beinen stehen kannst, dich festhalten musst, um nicht zu fallen und siehst, wie Schränke, Tische, Stühle und Betten in deinen Zimmern wie von Geisterhand geführt im Zimmer herum geschoben werden, dann erlebst du ein richtiges Erdbeben“, sagt Norma, die 87-jährige Mutter von Inés. Schlimmer wären die Beben, die die Erde rollend, wie einen aufgeschlagenen Teppichläufer erfassen. Ich weiß nicht, ob ich das unbedingt haben muss.

 

Nach diesem Beben wird starker Regen gemeldet und so ist es auch. Die Wolken haben sich mit Wasser gefüllt und plötzlich zieht einer den Reißverschluss auf. Diese Mengen Wasser werden von dem trockenen Boden gar nicht aufgenommen. Riesige Pfützen und kleine Teiche entstehen, dabei werden in den Bergen Schlammlawinen freigesetzt, Bäume stürzen zu Boden und ziehen Stromleitungen mit sich. „Passt mal auf“, sagt Holger, „es dauert nicht lange, dann ist der Strom weg.“ Er hat es noch nicht ausgesprochen, da wird der große Stecker gezogen. Santiago ist ohne Strom, vielleicht auch noch andere Regionen, aber das weiß ich nicht genau. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass das Problem schnell behoben wird, aber dem ist nicht so. 48 Stunden bleiben viele Haushalte ohne Strom, 48 Stunden rattern unermüdlich die Generatoren in unserer Nachbarschaft. Glücklich ist der, der einen hat und somit seinen Kühlschrank und die Kühltruhe weiter betreiben kann. Aber was ist mit denen, die diesen Luxus nicht besitzen? Und als wäre das nicht genug, bricht in der 2. Etage eines Krankenhauses noch ein Feuer aus.

 

Es ist ein wunderschöner Sonnentag, wie beinahe jeder Tag in Santiago de Chile. Das Thermometer erreicht die Grenze von 33 Grad Celsius. Walter nimmt sich an diesem Tag eine kleine Schönheitsreparatur am Fahrzeug vor, sie müsste nicht sein, aber er möchte es. Eine kleine Metallplatte soll ähnlich wie eine Unterlegscheibe an der Frontklappe angebracht werden. Eigentlich eine leichte Arbeit, aber gewichtsmäßig eben nicht. Ich soll dabei die kleine Schutzkappe von vorne anlegen, damit er die Schraube festziehen kann. Ich bin aber mit meinen 1,64 Meter nicht gerade ein Riese und komme nur mit Zehenspitzen daran und das auch nur umständlich. Also nehme ich den kleinen Hocker zur Hilfe. Dennoch gestaltet es sich schwierig dieses kleine Teil zu halten, da ich mit dem linken Oberarm an der Spiegelhalterung vorbeigreifen muss und gleichzeitig mit der rechten Hand die geöffnete Frontklappe nach unten ziehen soll. Die Schraube will sich einfach nicht hereindrehen lassen. Um besser greifen zu können, rücke ich ein wenig nach, verlagere mein Gewicht etwas mehr nach rechts und dann passiert es plötzlich. Der Hocker macht eine Grätsche und ich lege einen doppelten Rittberger hin. Beinahe wäre die schwere Frontklappe abgefallen, hätte Walter sie in dieser Situation nicht sofort festgehalten. Gar nicht auszumalen, wenn sie abgerissen wäre. Ich schlage derweil mit dem linken Oberarm auf der Frontklappe auf und mein rechter Unterschenkel meint dann noch einen Kampf mit dem Hocker ausfechten zu müssen. Er verliert und ich gehe zu Boden. Sofort greife ich nach meinem linken Oberarm und ziehe ihn an meinen Oberkörper. Er schmerzt höllisch. Die Hautfarbe verändert sich in Sekundenschnelle und erhält eine rot-blau-marmorierte Kolorierung. Die Hautabschürfungen sind nur nebensächlich. Zum Lachen ist mir weiß Gott nicht zu Mute, aber das nenne ich einen klassischen Haushaltsunfall, auf einem Hocker und dann noch einem Klapphocker. Wie blöd ist das denn? Doch auch dieser Unfall ist wieder Glück im Unglück. Die Schönheitsreparatur ist gelungen, die Frontklappe ist nicht abgerissen, mein linker Arm auch nicht und in spätestens zwei Wochen hat meine Oberarmhaut wieder ihre normale Farbe angenommen. Unkraut vergeht eben nicht, sage ich immer.

 

Es ist mal wieder Zeit unser TITV, das Zolldokument für das Fahrzeug, verlängern zu lassen. Am 25.02., genau an meinem Geburtstag, wird es ablaufen. Also schreibe ich eine Woche vorher eine e-Mail an das zuständige Zollamt in San Antonio, das unseren letzten Antrag bereits bearbeitet hat. Als ich nach zwei Wochen keine Antwort erhalte, melde ich mich nochmals bei der Behörde. Die Antwort kommt prompt, ich müsse wegen dem Dekret Resolución 1179 vom 18.03.2020 keinen weiteren Antrag stellen, da sämtliche Dokumente für Fahrzeuge seit dem 18.03.2020 wegen der Pandemie Covid-19 suspendiert wurden. Jetzt beantrage ich seit beinahe einem Jahr alle drei Monate ein neues TITV und bekomme ausgerechnet jetzt gesagt, dass ich das nicht machen müsse. Da frage ich mich allen Ernstes: Warum erst jetzt? Die Zollbehörde in Coquimbo, die anfangs für uns zuständig war, hat mir versichert, wir Ausländer müssten immer einen Antrag stellen und jetzt sagt mir die Dame in San Antonio, dass es nicht notwendig sei. Alles sehr merkwürdig. Ich beschließe nachzuhaken und schreibe in freundlicher Form eine Erklärung, dass mir das sehr komisch vorkommen würde und ich keine Probleme mit der Polizei bekommen möchte, wenn die uns kontrollieren. Sie beharrt weiter auf diesem Dokument und ich denke, ich schreibe besser mal an das Hauptzollamt. Die arbeiten wirklich schnell, denn binnen weniger Minuten bekomme ich die Antwort des Chefs der Zollbehörde in San Antonio. Er bestätigt die Richtigkeit der Auskunft seiner Kollegin und das dies ein offizielles Dokument sei, was ich der Polizei vorlegen sollte und wenn diese Schwierigkeiten machen sollten, dann solle ich sie an ihn verweisen. Der Chef hinterlässt mir zwei Telefonnummern. Bei der Dame entschuldige ich mich für die Mühe, die ich ihr gemacht habe und bitte um Verständnis für unsere Situation. Sie zeigt Mitgefühl und teilt mir gleichzeitig mit, dass sie eine solche Pandemie in Chile noch nicht gehabt hätten und es sich schließlich um eine Ausnahmesituation handeln würde – für alle! Sollten sie irgendeine Information bekommen, dass die Grenzen sich öffnen würden und die Resolution 1179 aufgehoben wird, dann bekämen all diejenigen darüber Bescheid, die sie kontaktiert hätten. Ein kleiner Rest Unsicherheit bleibt bei mir bestehen, aber ich überwinde mich und will ihnen doch mal Vertrauen schenken. Sämtliche Dokumente werde ich ausdrucken, damit wir sie bei Kontrollen vorzeigen können.

 

Nun sind wir bereits seit dem 18.01.2021 im Land und bei unseren Freunden. Da denken wir, dass es mal Zeit wird langsam loszufahren. Inés kommt um 21.30 Uhr aus ihrer Praxis zurück und berichtet, dass Calera de Tango, wo wir uns gerade befinden, wieder zurückgestuft wird von Phase 3 auf Phase 2. Das heißt, dass an Wochenenden ab 23 Uhr bis 5 Uhr eine Ausgangssperre verhängt wird und man sich nicht mit mehr als 5 Personen treffen darf. In der Woche können wir uns frei bewegen. Aber dürfen wir reisen? Dürfen wir die Phase 2 verlassen und in eine Phase 3 einreisen?

 

Am Dienstag ist es endlich soweit. Wir verabschieden uns, wobei bei mir wieder Tränen fließen. Diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Inés uns zuteilwerden ließ, ist unbeschreiblich. Sie hat wirklich ein sehr gutes Herz.

 

Nun nicht mehr lange reden, lass uns endlich die Reifen heizen. Wir wollen nach Monte Patria auf den Campingplatz, auf dem wir zuvor schon gestanden haben. Doch es sind lange 450 Kilometer bis dahin und vor uns liegt die berühmt-berüchtigte Sanitärkontrolle Pichidangui. Vor uns reiht sich eine Schlange Autos auf. Ein Polizist kommt und weist die Reisenden in die richtige Fahrspur ein. Wir werden in die der Lkw und Busse verwiesen. Da uns niemand anhält, fahren wir durch und stoppen an der Mautstation. Die Dame lächelt freundlich, hält es mit dem Schnüsspulli nicht so ernst und knöpft uns den betreffenden Betrag für unser Fahrzeug ab. Niemand hält uns auf, niemand schreit uns hinterher, also fahren wir los. Das ging ja einfach und sooo schnell. Die letzten 150 Kilometer fahren wir durch Combarbalá, vorbei am Stausee Cogatí und durch das Palqui-Tal. Hier werden Weintrauben angebaut, die entweder zur Weinherstellung verwendet werden oder um sie in der Sonne zu Rosinen trocknen zu lassen. Doch es wird immer später und wir haben ehrlich gesagt keine Lust mehr zu fahren. Mitten in der Walachei schlagen wir unser Nachtlager auf und genießen eine sehr ruhige Nacht.

 

Am nächsten Tag wollen wir nicht mehr zum Campingplatz. Inés hat uns verkündet, dass La Serena, ihre Heimatstadt, am Donnerstagmorgen um 5 Uhr in die Quarantäne zurückgestuft wird. Da wir nicht wissen, ob man uns in diesem Fall durch die Stadt fahren lässt und es keine alternative Umfahrung gibt, wollen wir das noch am heutigen Tag in Angriff nehmen. Wir füllen online noch das besagte Dokument c19 aus und fahren los. In La Serena ist die Hölle los. Man bemerkt sofort, dass es 5 vor 12 ist. Alle Menschen scheinen unterwegs zu sein, tätigen ihre Einkäufe und was sonst noch erledigt werden muss. Die Straßen sind überfüllt mit Autos, es wird gehupt und gefahren, als wäre der Teufel hinter den armen Seelen hinterher. Ich bin nur froh, dass wir unsere Einkäufe in Monte Patria erledigt haben. Hier hätten wir lange anstehen müssen, um endlich Einlass in den Supermarkt zu bekommen. Im Stop and Go schieben wir uns in dem Verkehr langsam voran, bis wir endlich aus der Stadt herauskommen. An einer Tankstelle füllen wir unsere Dieselreserven auf und los geht’s. Die Situation in der Pandemiezeit ist nicht hilfreich und es vergehen viele Minuten, um alles zu erledigen. Man kommt dadurch bedingt nur schleppend voran und so zeigt das Chronometer wieder 15 Uhr an. Noch eine Stunde Fahrt liegt vor uns, bis wir an einer uns bekannten Raststätte für die Nacht stoppen. Hier haben wir Duschen und Toiletten und einen Erste-Hilfe-Service, der für die Autobahn zuständig ist. Jetzt noch das kühle Cola-Bier eingeschenkt und danach können wir die restlichen Sonnenstrahlen genießen.

 

Wir wollen den Parque Nacional Llanos de Challe besuchen, der an der Küste liegt. Unterwegs entdecken wir Sandfelder, die wie Gletscher an die Berge geschmiegt sind. Da wir über eine öffentliche Straße durch den Park fahren, müssen wir keinen Eintritt bezahlen. Etwas südlich vom Park, aber bereits außerhalb seiner Grenzen, finden wir einen schönen Stellplatz an der Pazifikküste. Die Wellen sind hoch und die Brandung dröhnt. Wasservögel suchen sich Nahrung im angeschwemmten Sand und die Algen umschließen die Steine mit ihren langen Tentakeln. Während der Wind kühl ist, verwöhnt uns die Sonne mit ihrer Wärme. Es ist so schön wieder unterwegs zu sein. Aber wir müssen immer genau darauf achten in welcher Region wir uns gerade befinden. Das chilenische System meckert bereits jetzt, wenn ich mich in eine „falsche“ Kommune bewegen will. Falsch deswegen, weil ich von einer Phase-3-Kommune angeblich nicht in eine Übergangssphase 2 wechseln darf. Ein gelbes Ausrufezeichen wird mir angezeigt. Wir möchten ja nur durchfahren, aber für uns, die in der Natur stehen möchten, und dort weiß Gott sicherer stehen, als in einer Stadt, gibt es keine Möglichkeit diese anzukreuzen. Ich bin also gezwungen eine falsche Kommune anzugeben. Für Nationalparks in den Anden gibt es ebenfalls keine Möglichkeit diese anzukreuzen. Also fahren wir auf blauen Dunst los. Wenn wir kontrolliert werden sollten, dann werde ich den Beamten das schon erklären können.

 

Von Copiapó aus fahren wir durch Tierra Amarilla und in die Tiefe der Anden-Kordilleren. Um das Risiko von Covid-19 für uns zu reduzieren, haben wir beschlossen eine Pässe-Tour zu unternehmen. Pässe gibt es ja reichlich von Chile nach Argentinien und Bolivien. Den Paso de Pircas Negras kennen wir noch nicht. Schade ist halt nur, dass wir die Pässe hochfahren können, aber wir müssen den gleichen Weg wieder zurück, da die Landesgrenzen geschlossen bleiben. Die Natur dorthin wird uns sicherlich für die doppelte Fahrt entschädigen. Doppelt gemoppelt hält doch besser. Vielleicht bleibt uns so alles besser in Erinnerung. Wir wissen ja noch gar nicht, wie sehr sich diese zwei von uns ausgewählten Routen ins Gedächtnis einprägen werden.

 

Um uns an die Höhe anzupassen, legen wir zwei nächtliche Stopps bei 1300 und 2000 Metern ein. Die Etappe bis auf den Pass wollen wir an einem Tag meistern. So starten wir bei strahlendem Sonnenschein und durchfahren eine gigantische Bergkulisse. Immer tiefen fahren wir hinab und es wirkt, als würden wir in des Teufels Schlund fahren. Dunkelgraue Felswände richten sich neben uns bedrohlich auf. Das Dunkelgrau wird von farblichen Nuancen wie Ocker, Aubergine, Dunkelrot, Orange, Graugrün und Taubenblau durchzogen. Mal ziehen sich die Farben in einem parallel verlaufenden Streifendesign durch die dunkelgrauen Felsmassive, dann wiederum sind sie in leichten Wellen geschwungen angeordnet. Wir durchfahren grüne Täler, durchzogen von dem Rio Jorquera, der die Umgebung mit Wasser versorgt und somit dem Nutzvieh reichlich Nahrung und Flüssigkeit bietet. Das Leben der hier Ansässigen ist eher entbehrungsreich. Sie leben in nicht isolierten Holzhütten, daneben sind die Ställe errichtet, auf deren Dächern das Winterfutter für das Vieh lagert. Das Vieh scheint ihre finanzielle Einnahmequelle zu sein. Ein Arzt, eine Apotheke, ein Supermarkt oder eine Tankstelle sind weit entfernt in Tierra Amarilla oder Copiapó. Dann endlich folgt die Auffahrt zum Pass. Unser Blickwinkel verändert sich mit jedem gefahrenen Kilometer. Zunächst hatten wir die Berge vor uns, kurz darauf schauen wir auf sie hinab. Weit im Hintergrund liegen die höchsten Berge der Cordillera de Darwin, die wolkenverhangen sind. Regnet es dort oben oder schneit es gar? Ein Schild sagt uns die letzten zehn Kilometer zum Paso de Pircas Negras an, als plötzlich ein Polizeiauto vor uns steht. Drei Polizisten steigen aus, von denen einer hinter seinem Hut herrennen muss, weil ein Windstoß ihm diesen vom Kopf gepustet hat. Sie fragen uns Löcher in den Bauch. Wo wollt ihr hin? Wo kommt ihr her? Seit wann seid ihr in Chile? Auf 4466 Höhenmeter muss ich erst einmal ordentlich Luft holen, um dann in einem Redefluss die Wörter sprudeln zu lassen. Die Luft ist hier oben dünn und wir sind nicht so angepasst wie die Herren, die vor mir stehen. Der schlanke, hochgewachsene Mann lässt nicht locker und durchbohrt mich weiter, bis ich ihm erklärt habe, dass wir Covid-19 entfliehen. Aus Mangel an Menschen und Kontakt sind wir in den Bergen nicht so sehr gefährdet wie in einer Stadt. Außerdem würden wir ihr Land und die großartige Natur, vor allem die Berge, sehr lieben. Ein bisschen Honig um den Bart schmieren und ein freundliches Lächeln hat noch nie geschadet. Die Herren grinsen bei meiner Aussage und warten bis wir umdrehen. Es liegen nur noch 5,9 Kilometer bis zum Pass vor uns, aber die Herren der Staatsgewalt möchten gerne das Gatter, das wir zuvor passiert haben, abschließen. Schade! Unterwegs überholen sie uns und nehmen eine Abkürzung. Als sie unten im Tal angekommen sind, beobachten sie, ob wir uns tatsächlich voran bewegen. Als das in ihren Augen der Fall ist, verschwinden sie vollends aus unseren Augen. Wir setzen unsere Fahrt durch diese grandiose Landschaft weiter fort. In meinem Kopf plane ich bereits die weitere Tour. Wir fahren durch La Guardia und suchen uns einen Übernachtungsplatz an der Piste, die nachts nicht befahren wird. Der Rio Jorquera bietet uns Wasser, um Wäsche zu waschen. In dem eiskalten Wasser ist das für Walter garantiert kein Vergnügen, aber watt mutt, datt mutt.

 

Die Nacht ist ruhig und am nächsten Tag fahren wir zurück nach La Guardia, biegen dort ab in Richtung Mina Maricunga sowie Laguna del Negro Francisco und Laguna Santa Rosa im Nationalpark Nevado de Tres Cruces. Die Bergwelt ist für den einen langweilig, für uns ist sie wunderschön. Es ist eine zerklüftete und schroffe Landschaft, die verschönert wird durch ihren Farbenreichtum. Von nun an geht es wieder bergan und für Walter bedeutet das Fahren in den serpentinenreichen Bergen Anstrengung und hohe Aufmerksamkeit.  

 

Bei 3500 Metern geht der morgendliche leichte Regen in feine Schneeflocken über. Wir trauen unseren Augen kaum. Was sind das für Wetterkapriolen? Zunächst strahlender Sonnenschein, dann leichter Regen und jetzt Schnee? Wir haben Mitte März, auf der südlichen Halbkugel herrscht jetzt Sommer und wir haben Schnee? Der Winter hält doch eher später Einzug. Aber da sieht man mal wieder, dass Wetter hält sich an keine Zeiten, es zieht sein eigenes Ding durch.

 

Die Erdpiste steigt weiter an und als wir 4466 Meter erreichen, wird der Schneefall stärker und der Schnee kleidet sogar die Umgebung in ein weißes Kleid ein. Und zu allem Übel stehen wir vor einer geschlossenen Schranke. Um zum Nationalpark zu gelangen, müssen wir das Gelände der Maricunga-Mine durchfahren, was eigentlich kein Problem wäre, aber zu unserem Pech schüttelt Frau Holle die Betten das ganze Wochenende aus. Aus Sicherheitsgründen will man uns nicht passieren lassen. Notgedrungen und enttäuscht müssen wir umdrehen. Wir wollen jetzt nur zusehen, dass wir schnell in niedrigere Gefilde zurückkehren, um dem Schneetreiben zu entfliehen. Erst die Polizisten, die uns zur Umkehr zwingen und jetzt Frau Holle. Wenn das nicht in unserem Gedächtnis hängen bleibt!?

 

Da bereits Freitag ist und in Tierra Amarilla Restriktionen herrschen, bleiben wir vor einer weiteren farbenfrohen Kulisse bei 1600 Höhenmetern stehen.


Am Montag fahren wir endlich los, gehen in Copiapó im Jumbo-Supermarkt einkaufen und fahren über Antofagasta, wo ab morgen wieder die Quarantäne Einzug hält, Richtung Mina Escondida, wo Kupfer abgebaut wird. Wir sind bereits auf 3500 Meter. Die gute Asphaltstrecke zur Mine bringt uns rasch voran, aber im Firmengelände müssen wir auf eine Piste abbiegen, die es in sich hat. Übles Lkw-Wellblech liegt vor uns, unsere Kiefer schlagen aufeinander, als hätten wir tiefsten Winter und unser Reisegefährt schüttelt es ebenfalls. Über viele Kilometer müssen wir diese Piste ertragen, bis wir uns bei 2900 Metern Höhe ein Nachtlager suchen. In der Nacht quälen mich leichte Kopfschmerzen, weshalb wir beschließen am nächsten Morgen weiter herunterzufahren. Bei 2400 Metern kann ich mich an zwei Tagen wieder erholen. Nun sind es nur noch 160 Kilometer bis nach San Pedro de Atacama, wo wir unsere Visa verlängern lassen wollen. Drückt uns die Daumen.

Bis bald wieder mal. Die 2.