Corona und seine Auswirkungen - Update bis zum 23.06.2020.

 

Wir schreiben heute den 09.06.2020. Es sind mittlerweile 9 Wochen vergangen, in denen wir Goliath nicht von unserem Hügel fortbewegt haben. Fast jeden Tag haben wir strahlenden Sonnenschein und fast jeden Tag werden wir von unserem Gastgeber Alejandro mit frischem Obst in Hülle und Fülle versorgt. Alejandro hat ein Transportunternehmen mit 12 LKW. Einige LKW sind ständig in Minen im Einsatz, andere beliefern umliegende Häuser mit Trinkwasser, weil viele von ihnen keinen Trinkwasseranschluss haben, sie haben meist riesige Wasserbehälter auf ihren Grundstücken stehen. Und wieder andere LKW sind täglich in den Obstanbaugebieten unterwegs, denn zurzeit ist Erntezeit von Weintrauben, Mandarinen, Avocados und Äpfeln; das ist unser Glück. Jeden Tag stehen uns prall gefüllte Kisten mit all diesen leckeren Früchten zur Verfügung und das alles auch noch umsonst. Jedenfalls können wir uns nicht über Vitaminmangel beschweren!

Wir stehen hier auf einem 5 Hektar großen Gelände und teilen es uns mit der vierköpfigen Familie und 7 Hündinnen, die das Grundstück vor eventuellen Einbrechern schützen sollen. Gleichzeitig leben noch 5 oder 6 Katzen hier, die vergöttert werden, wobei die Hunde wie der letzte Dreck behandelt werden. Sie sollen schließlich das Grundstück beschützen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn sie der Familie zu nahe kommen, werden sie nicht selten mit Steinen beworfen, zumindest einige von ihnen. Die Lieblinge dürfen des Nachts im Haus schlafen und bekommen leckere Sachen zu fressen, während die Ungeliebten draußen schlafen und die Reste zu fressen bekommen. Zähneknirschend nehmen wir dies zur Kenntnis, sind wir doch nur Gäste hier. Aber keiner kann uns verbieten eben diesen ungeliebten Hündinnen etwas Zuneigung entgegen zu bringen. Nach drei Wochen haben wir diese völlig verschüchterten Kreaturen soweit, dass sie sich uns ohne Scheu nähern und sie ihre täglichen Streicheleinheiten einfordern. Unsere Gastgeber wundern sich darüber und fragen sich allen Ernstes, warum das so ist. Für uns ist das nur logisch, zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren sie so etwas wie menschliche Zuneigung. 

Alles Notwendige, was wir zum Leben brauchen, bekommen wir im drei Kilometer entfernten Ort Monte Patria. Zwei Mal die Woche schwinge ich mich auf's Radel und mache mit dem Rucksack auf dem Rücken unsere Besorgungen. An den Sonntagen wird es eine größere Runde von etwa 35 Kilometer, damit mir die Knochen nicht steif werden, denn nur dann ist man halbwegs sicher auf den Straßen, weil die Menschen lange schlafen oder aber mit den sonntäglichen Vorbereitungen zum Asado (Grillen) beschäftigt sind. Wir können uns noch frei bewegen, da unser Ort noch frei von Corona ist, aber das soll sich bald ändern. Etwa drei Wochen später hören wir von der kompletten Abriegelung der Hauptstadt Santiago sowie anderer großer Städte im Norden. Für sieben Tage stehen sie unter Quarantäne, die aber in den nächsten Wochen immer wieder verlängert werden. Mittlerweile hat auch Monte Patria über 60 Infizierte, die Vorkehrungen werden verschärft. Mundschutz ist Pflicht in Supermärkten, Banken, usw. Die Medien sowie Regierung predigen täglich Verhaltensregeln wie: Tragt schön eure Masken und geht nach Möglichkeit nicht vor die Tür und alles wird gut. Der Mundschutz wird befolgt, aber den Rest interessiert keine Sau!!!!! Sie behalten ihre alten Gewohnheiten bei, denn ein Chilene lässt sich nur ungern was vorschreiben und die Maske wird uns schon vor dieser Seuche beschützen. Die bestehende Ausgangssperre von 22.00 – 5.00 Uhr wird von den meisten ignoriert und angeblich mangels an Ordnungshütern auch nicht kontrolliert oder  geahndet, andere zücken ein paar Scheinchen und die Sache wird auf dem kleinen Dienstweg geregelt. Das zeigen dann auch die dramatisch steigenden Zahlen von Corona in den folgenden Wochen. Gleichzeitig steigen auch die sozialen Unruhen im Land. Angefangen hat scheinbar alles mit der Erhöhung der Gebühren von öffentlichen Verkehrsmitteln, die viele Menschen nutzen müssen um zur Arbeit zu kommen. Schlimme Ausschreitungen in Santiago und anderen großen Städten waren die Folge. Wir konnten uns selbst einen kleinen Eindruck verschaffen, als wir Freunde in Santiago besucht haben. Jetzt kommt Corona noch dazu, viele Menschen der Unterschicht sind Tagelöhner, können aber aufgrund geschlossener Firmen ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen und haben somit schlichtweg nichts mehr zu Essen. Diesen Familien, die zum Teil mit bis zu zehn Personen auf engstem Raum zusammen leben, steht das Wasser bis zum Hals. Einige der Plantagenbesitzer halten ihre billigen Arbeiter aus den angrenzenden Ländern wie Vieh auf engstem Raum. Wie sollen diese Menschen einer Ansteckung durch Corona entgehen, wenn sie nicht einmal den Mindestabstand einhalten können und die Regierung schaut zu. An der Grenze zu Bolivien stauten oder stauen sich noch bis 800 LKW, weil chilenische Grenzer streiken, angeblich wurden nicht alle Vereinbarungen umgesetzt, die bei Verhandlungen ausgearbeitet wurden. Aber auch ohne die Corona-Krise ist Chile ein Pulverfass, welches zu explodieren droht und die Probleme werden nicht weniger. 

Die Anfangs relativ ruhigen Nächte ändern sich für uns dramatisch. Die vier „ungeliebten“ Hündinnen haben sich mehr oder weniger permanent um uns herum versammelt, das Dumme ist nur, sie werden alle nacheinander „heiß“, was zur Folge hat, dass sämtliche Rüden in der Umgebung das auch mitgekriegt haben. Ich sage nur, ganz ganz übel. Obwohl Alejandro sie in den nachfolgenden Wochen alle sterilisieren lässt, reißt der Strom von Rüden nicht ab, die sich einen schnellen „Stich“ erhoffen. Dazu kommt noch, Chile hat etwa 30 Millionen Einwohner und geschätzte 150 Millionen Hunde, bellt einer, bellen alle……….., vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht, mehr ist nicht drin. Mir ist schleierhaft wie die Menschen das aushalten!?

Mittlerweile laufen unsere Visa aus und Marion ist dabei sie online zu verlängern, d.h. Antrag stellen, warten auf Antwort, das alles korrekt ausgefüllt wurde, dann auf den Einzahlungsbescheid über ca. 100 US$ pro Person warten, dann zur Bank, sich in eine täglich lange Reihe von bis 50 Metern einreihen, um dann bis zu 2 Stunden später endlich sein Geld einzahlen zu dürfen, mit diesem Einzahlungsbeleg wieder zurück, eingescannt an die Behörde geschickt und warten, warten, warten, bis dir die Behörde deine Visumverlängerung schickt, was bis zu einigen Wochen dauern kann. Das gleiche Procedere gilt eigentlich auch für die Aufenthaltsverlängerung des Fahrzeugs, aber da hatten die Chilenen mal einen lichten Moment, die Verlängerung wurde ausgesetzt, bis die Grenzen wieder öffnen.

Obwohl wir uns hier auf dem Hügel, mit dem schönen Blick auf den Stausee nicht beklagen können, beklagen wir dennoch den uns permanent fehlenden Schlaf, wir sind gereizt und werden zusehends unzufriedener, es wird Zeit für einen Standortwechsel. Bei meinen sonntäglichen Radtouren ist mir ein Campingplatz in der Nähe aufgefallen und wir fragen nach, ob sie uns aufnehmen würden, was zurzeit aus Angst vor Corona nicht selbstverständlich ist. Und tatsächlich, wir bekommen eine positive Nachricht. Nun warten wir noch auf die Onlinebestätigung unserer Visa und dann werden wir zumindest für eine bestimmte Zeit einen Tapetenwechsel vornehmen, in der Hoffnung, dass wir dort endlich mal wieder durchschlafen können. 

Wie wir erfahren, werden in Europa zusehends Restriktionen gelockert, was man in Südamerika nicht behaupten kann. Die Zahlen an Neuinfektionen schreiten weiter voran, allen voran Brasilien gefolgt von Chile. Wie lange diese ganze „Scheiße“ noch andauert, wer weiß das schon, wir werden jedenfalls versuchen das Ganze weiterhin auszusitzen!

Dann kommt Marions Visumverlängerung mit dem Anhang, wo alle erforderlichen Daten aufgeführt sind. Einige Tage später kommt auch meine Verlängerung, aber bei mir fehlt der Anhang. Alle Versuche, die erforderliche Behörde zu kontaktieren, schlagen fehl. Man, ich könnte sie alle zum Mond schießen!

Der 12.06.202 bringt dann das Fass zum überlaufen. Nachdem wir mehrere Nächte hintereinander kaum geschlafen haben, frage ich Alejandro, ob wir nicht unseren Standplatz in seine Firma verlegen können. Die kurze und genervte Antwort nein, dort sei kein Platz, ist für uns das Zeichen, uns aus dem Staub zu machen. Eine Stunde später stehen wir auf dem Campingplatz San Rafael in einem Flusstal mit Bäumen und grünem Rasen, eingebettet in eine wunderschöne Berglandschaft, 30 Meter entfernt plätschert der Fluss und vor allen Dingen, keine nervenden Hunde! Der Campingplatz befindet sich auf angenehme 500 Höhenmeter, die Sonne verwöhnt uns mehrheitlich und Regen bekommen wir in dieser Gegend selten mit. Es sieht so aus, als könnten wir es hier für längere Zeit aushalten.

 

 

Es grüßen euch „Die 2“ aus dem Flusstal.