Unser vorübergehender Reiseabbruch wegen Covid-19.

 

Das Corona-Virus hat die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt. Zu Beginn haben wir uns entschlossen, diese Zeit mit den Chilenen auszusitzen und obwohl wir einen sehr schönen Platz hier gefunden haben, so zerrt diese Zeit langsam an den Nerven. Wir können nicht mehr reisen wie bisher, müssen für jede längere Fahrt eine Fahrgenehmigung (Salvoconducto) von den Carabineros einholen und online ein Gesundheitsdokument anfordern, in dem wir versichern, dass wir keine Corona typischen Symptome haben. Hat man keinen triftigen Grund zum Reisen, dann kann man von der Polizei zurückgeschickt werden und wenn es hart auf hart kommt, dann bringen sie den Reisenden an einen Ort und setzen ihn unter Quarantäne. In unter Quarantäne gesetzte Städte darf man normalerweise nicht einreisen. Einkaufen in diesen Gebieten kann zum Spießrutenlauf werden, denn der wird oft 2 x pro Woche bewilligt und wenn es ganz hart kommt sogar nur 1 x in 14 Tagen. Ausgangssperren werden von abends 22 Uhr bis morgens um 6 Uhr verhängt. Das ist alles in allem irgendwann nicht mehr lustig.

So hängen wir nun schon seit fast 5 Monaten in Monte Patria fest. Die Auskünfte der Zoll- und  Migrationsbehörden sind ausgesprochen rar, wenn denn überhaupt geantwortet wird. Niemand kann sich vorstellen welchem Druck man in dieser Situation ausgesetzt ist. Was passiert mit unserem Fahrzeug, wenn wir es zurücklassen und irgendwann wiederkehren? Was passiert, wenn der Aufenthalt für das Fahrzeug abläuft? Kann man den Aufenthalt überhaupt verlängern lassen? Und was ist mit dem Visum für uns, welches man ja nur ein weiteres Mal für 3 Monate verlängern lassen kann? Was ist, wenn diese Zeit abläuft? Fragen um Fragen, die nicht beantwortet werden.

Unser zweiter Visumaufenthalt steht kurz vor dem Ablauf. Obwohl wir wissen, dass nur einmalig eine Verlängerung bewilligt wird, stellen wir einen weiteren Antrag, der prompt zu einer Ablehnung führt. Niemand gibt uns Auskunft darüber, was in dieser Situation mit uns passiert, wenn wir das Land verlassen, obwohl das Visum schon abgelaufen ist. Eine Geldstrafe steht an, aber niemand weiß wie hoch sie ist. So wären wir ab dem 05.09.2020 illegal in Chile.

Von der Zollbehörde bekomme ich endlich eine Antwort, nachdem ich mich an das Präsidentenamt gerichtet habe und über unsere Probleme mit der Zoll- und Migrationsbehörde geschrieben habe. Beide Ämter sollten mir eine persönliche Nachricht zukommen lassen, aber nur der Zoll hat mir geantwortet.

Der Druck dieser Situation zerrt von jedem Tag an mehr an meinen Nerven und ich bitte Walter mit mir nach Deutschland zurückzukehren. Wir wollen unser Fahrzeug von San Antonio aus verschiffen und setzen uns mit einem Agenten in Verbindung. Doch ein Unglück kommt selten allein, denn just in diesem Moment kappt uns die Telefongesellschaft Entel die Leitung, obwohl wir immer aufgeladen haben und unser Telefon registriert wurde. Vier GB sind einfach weg. Was für eine Frechheit. Zum Glück hilft uns Fernando mit einem Hotspot aus.

Die Kosten für die Verschiffung sind von Chile aus extrem hoch – 8500 Euro werden uns angegeben. Nachdem unsere Fahrzeugdokumente an den Agenten geschickt sind, stellt dieser fest, dass unser Fahrzeug 5 cm breiter ist als wir angegeben haben. Die neue Berechnung für diese 5 Zentimeter Überbreite beläuft sich jetzt auf 10400 Euro. Da wir zurück wollen, nehmen wir diese Kosten in Kauf. Wir besorgen uns das Salvoconducto bei der freundlichen Polizei von Monte Patria sowie das Gesundheitspapier und fahren an einem Tag nach San Antonio. Dort sollten wir an einer Copec-Tankstelle übernachten dürfen, aber man verweigert uns den Aufenthalt bis zum Verschiffungstag. Oh, man, das fängt ja wieder gut an. Also fahren wir durch die Straßen und suchen nach einem Standplatz. An einer kleinen Tankstelle, die nicht sehr vertrauenerweckend aussieht und die Umgebung schon gar nicht, dürfen wir zum Glück dennoch stehenbleiben. Widererwartend sind die Nächte ruhig. Am Donnerstag wird plötzlich verkündet, dass die Lkw-Fahrer in den Streik treten. Toller Klops. Walter zieht indes durch die Straße Richtung Hafenzufahrt, um zu schauen, ob wir überhaupt in den Hafen reinfahren können. Häfen sind begehrtes Ziel für Streikende. Aber es scheint nicht so schlimm auszusehen, wie angekündigt. Doch am Freitag, unserem Abgabetag des Fahrzeugs, kommen wir gerade so in den Hafen. Der Zoll stempelt derweil unsere vorübergehende Zolleinfuhrerklärung aus. Somit hat unser Fahrzeug offiziell das Land Chile verlassen. Und schon geht die Odyssee weiter. Das Fahrzeug wird nachgemessen und schon wieder findet man irgendein Teil, das wieder absteht und eine erneute Berechnung erforderlich machen würde. Ein Teil hat Walter bereits mit der Flex abgeschnitten, als die Stoßstange auch noch bemängelt wird. Diese könnten wir abbauen, aber was ist, wenn wir das Fahrzeug hier abstellen und bei der späteren Vermessung auf dem Flatrack wieder erneut etwas gefunden wird und wir es nicht mehr abbauen könnten? Dann könnte die Reederei uns eine Nachberechnung zusenden, die zwischen 15000 und 20000 Euro betragen könnte. Wir kommen schwer ins Grübeln und währenddessen wird uns bekannt gegeben, dass das Flatrack nicht im Hafen ist, weil die Lkw-Fahrer streiken. Man hat uns aber versichert, dass wir das Fahrzeug selbst auf das Flatrack fahren dürfen, was nun hinfällig geworden ist. Der Verantwortliche für die Vermessung und die Verladung macht uns derweil ein weiteres Fass auf. Wenn sie das Fahrzeug nicht auf das Flatrack fahren können, dann würde es mit riesigen Staplern auf das Flatrack verfrachtet. Das soll uns nochmals 800 USD kosten und wenn das Fahrzeug wegen des Streiks nach 3 Tagen nicht auf das Flatrack geladen werden kann, wird es im gesicherten Bereich geparkt, was uns erneut pro Tag berechnet würde. Jetzt klingeln bei uns die Alarmglocken, denn es sieht aus wie ein Fass ohne Boden. Nutzt man unsere Situation hier schamlos aus? Warum hat uns der Agent nicht vorher über all dies aufgeklärt? Wir jedenfalls brechen die Verschiffung ab. Ja, aber der Zoll hat das Dokument für das Fahrzeug bereits abgestempelt. Jetzt muss es wieder eingeführt werden. Unser Agent schreit laut Scheiße – wir auch! Von Pontius nach Pilatus müssen wir fahren, um bei der zuständigen Zollbehörde ein neues Einreisedokument zu bekommen. Einen Vorteil hat diese ganze Misere, denn nun darf unser Fahrzeug bis zum 26.11.2020 im Land bleiben. Vor Ablauf muss ich dann einen erneuten Antrag auf Verlängerung stellen. Nachdem wir uns vom Agenten verabschieden, planen wir unser Fahrzeug – wie es so viele andere Reisende bereits getan haben – unterzustellen und nach Deutschland zu fliegen. Zunächst benötigen wir ein neues Salvoconducto, um nach Santiago de Chile zu kommen, wo wir einen Übernachtungsplatz bei einem angeblichen Hostel haben. Diese Polizeistation ist nicht so kooperativ wie die in Monte Patria. Wir wollen in ein Quarantänegebiet reisen, was man nicht sehr gerne  sieht. Bis wir aber verstanden haben, was die Polizistin exakt von uns will, vergehen Stunden. Wir müssen nämlich eine Buchung eines Hotels nachweisen und das Hostel, das wir angegeben haben, ist nirgends als Hostel registriert. Also bucht Walter in einem Hotel am Flughafen, wo man sogar Platz für unser großes Fahrzeug hat. Endlich haben wir alle nötigen Papiere zusammen, legen wir auch schon los, denn es liegen einige Kilometer vor uns. Wir quartieren uns derweil im Hotel Diego de Almagro ein und organisieren die Unterbringung unseres rollenden Zuhauses. Der Chilene, der sich darum kümmern wird, hat eine Reiseagentur, kennt sich mit den Zollbehörden aus und beherbergt bereits über 30 Fahrzeuge. Für diese 100 km lange Fahrt benötigen wir erneut ein Salvoconducto und dieses Gesundheitspapier, als plötzlich unser Telefon klingelt und Holger nach unserem Befinden fragt. Mit ihm haben wir gar nicht mehr gerechnet und als Inés und Holger uns anbieten unser Fahrzeug bei ihnen unterzustellen, da fällt uns ein Stein vom Herzen. An sie haben wir nicht mehr gedacht. Sie kommen uns noch am gleichen Tag am Hotel abholen und wir fahren nur noch 23 Kilometer bis zu ihrem Haus. Nun steht unser Fahrzeug im Garten der beiden. In den nächsten zwei Tagen bereiten wir alles für eine längere Pause vor, denn niemand weiß, wann sich die Pandemie wieder normalisieren wird. In Chile liegen die täglichen Neuinfektionen zwischen 1000 und 1800. Obwohl es noch viel ist, geht aber die Gesamtzahl der Infektionen weiter langsam bergab, was uns Hoffnung für die Zukunft gibt. Ich buche derweil unsere Flüge für den 02.09.2020. Einen Tag vor Abflug, kommt die Ernüchterung, denn unser Flug, der über Madrid und Heathrow nach Hamburg geht, wurde gecancelt. Inés ist uns behilflich und ruft bei Iberia an, die uns einen neuen Flug für den 04.09.2020 anbieten – nur einen Tag vor Ablauf unseres Aufenthaltes in Chile. Doch dieses Mal geht alles gut. Um Walter's nicht gesendetes verlängertes Visum müssen wir uns auch keine Sorgen machen. Inés hat nach überall hin Verbindungen. Wir bekommen den passenden Code zugesandt, marschieren damit ohne Problem durch die Zollbehörde Chiles und sitzen pünktlich im Flugzeug und landen nach anstrengenden Stunden in Hamburg, wo wir abgeholt werden und nach weiteren Stunden der Fahrt in einer Ferienwohnung bei Freunden landen, wo wir unsere Quarantäne verbringen. Das Ergebnis unseres PCR-Tests am Flughafen erreicht uns nach 2 Tagen mit einem negativen Test. Wir atmen auf und müssen jetzt nach 5 Tagen einen weiteren Test absolvieren. Danach beginnt für uns wieder ein „normales“ Leben in „Good old Germany“.

Wir werden irgendwann wieder berichten, wenn Corona sich beruhigt hat, die Länder Lösungen gefunden haben und wir unser Reiseleben wieder aufnehmen können. Drückt uns die Daumen, dass unser Zuhause auf vier Rädern unversehrt bleibt und wir wieder schnell nach Chile zurückkehren können.

Vielen, vielen Dank an alle, die uns so toll geholfen haben. Muchas gracias amigos.

 

Bis bald. Die 2.