Deutschland und zurück

 

Reisezeit: 06.05. - 01.08.2019

 

Am 14.04.2019 steige ich in Asunción in den Flieger und lande einen Tag später in Hamburg. Oh man, ich sage euch, fliegen ist auch nicht mehr das, was es mal war! Früher hat es mir noch Spaß gemacht, aber jetzt! Eingekeilt, links von einer normalgewichtigen Dame und rechts von einem korpulenten Herrn, weiß ich nicht mal mehr wohin mit meinen Armen, mit der Beinfreiheit ist es ebenfalls nicht weit hin. In diesem Fall bin ich froh nicht besonders groß gewachsen zu sein. Man fühlt sich bei Latam Airlines wie ein Brathähnchen auf dem Grill, eingezwängt von anderen Leidensgenossen.

Vom Hamburger Flughafen haste ich zum Hauptbahnhof, um meinen Zug nach Esens an der Nordseeküste zu kriegen, wo unsere Freunde wohnen. Abends um 23.00 Uhr hab ich’s endlich geschafft. Nach über 30 Stunden erreiche ich mein Ziel. Die schon vorab bestellte Elektronik ist bereits bei unserem Freund Snoopy eingetroffen, ein Grund meines Besuches in Deutschland. Bereits von Paraguay aus hat sich unser Freund Olly spontan bereit erklärt, mir sein Pössl-Wohnmobil für die Zeit meines Aufenthaltes in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Was für ein Unterschied zu Goliath! Aber auch dieses Mobil hat was, 120 Sachen auf der Autobahn mit Tempomat; das hat auch seine guten Seiten.

So cruise ich in meine alte Heimatstadt Warstein und gehe davon aus, dass ich wieder bei Hotel Kruse, unserem freundlichen Langholzunternehmen, im Wohnmobil übernachten kann. Aber ich habe die Rechnung ohne Elke und Linus gemacht. Ne, ne, das kommt gar nicht in die Tüte, dein Bett ist schon gemacht und du schläfst natürlich bei uns, so heißt es. Na, was soll ich machen? Bevor ich mich schlagen lasse.

Mich zieht es weiter nach Bad Kissingen zur Offroad-Messe. Hier will ich versuchen namhafte Hersteller mit ins Boot zu holen, an ihre Neukunden Flyer von unserem neu gegründeten, kleinen Reiseunternehmen „www.truckadventure.de“ zu verteilen, die vielleicht nicht wissen, was sie mit ihrem neuen Reisemobil anfangen sollen.

Sechs Wochen gehen schnell vorbei und eh ich mich versehe, sitze ich auch schon wieder in einer dieser „Ferkelkisten“ auf dem Weg zurück nach Hause, was in dem Fall das Hasta la Pasta Campsite in Paraguay ist, auf dem Marion mich bereits sehnsüchtig erwartet. Es dauert nur wenige Tage, bis ich die mitgebrachte Elektronik verbaut habe und eigentlich kann’s losgehen. Aber durch Zufall erfahre ich, dass ein seit Jahren verschollener, ehemaliger Motorradkollege sich nahe dem Camping niedergelassen hat. Wir vereinbaren ein Treffen. Kaum zu glauben, treffen wir hier nach 35 Jahren Martin und Elvira wieder, die hier ein Haus besitzen und sich sesshaft gemacht haben. Leider ist die Zeit bei ihnen viel zu kurz, aber wir wollen weiter, die Transamazonika ruft. Eine Straße, die südlich des Rio Amazonas verläuft und die Brasilien in ihrer kompletten Breite durchzieht. Sie ist etwa 4500 Kilometer lang und davon sind ca. 2000 Kilometer nicht asphaltiert. Diese 2000 Kilometer wollen wir unter die Räder nehmen, denn, wen interessiert schon Asphalt! Um diese Dschungelpiste zu befahren, bleibt uns nur ein schmales Zeitfenster, denn wir wollen nicht in die Regenzeit kommen. Goliath scharrt auf jeden Fall schon mit den „Hufen“ und auch ich bin heiß wie Frittenfett. Ein Kurzbesuch am Hotel Florida in Filadelfia (Paraguay) darf natürlich nicht fehlen und außerdem ist hier die letzte Möglichkeit noch einmal vernünftig einzukaufen, bevor wir die etwa 400 Kilometer entfernte Grenze von Bolivien erreichen.

Am 12.07.2019 stehen wir also schon wieder mal an diesem Grenzübergang, aber welch Wunder, diesmal bremst uns keine Busladung Grenzgänger aus. Nachdem wir eine Nacht im Ort Villamontes übernachtet haben, geht’s am frühen Morgen weiter über die Ruta 6 nach Sucre. Das Gute ist, diese Straße ist zu meiner großen Freude noch nicht komplett asphaltiert. Zum Teil führt sie durch sehenswerte Schluchten und die Piste ist an vielen Stellen nicht viel breiter als unsere Spur, einfach herrlich, endlich mal wieder etwas Nervenkitzel! Schon ganz zu Anfang bremst uns ein riesiger Erdrutsch aus. Wir müssen uns an einer Straßensperre in eine lange Reihe von Fahrzeugen einreihen. Mit schwerem Baugerät versucht man hier die Piste wieder frei zu bekommen, bis dahin bleibt die Sperrung zumindest tagsüber von 7.00 – 16.00 Uhr bestehen. Ab 16.00 Uhr wird eine Umleitung freigegeben, die uns über eine einspurige Piste und durch mehrere Flüsse führt. Wir können unser geplantes Tagespensum natürlich heute nicht mehr schaffen und in einer Stunde wird es bereits dunkel. Also ab an den Pistenrand, das Bier raus und die restlichen Sonnenstrahlen genießen.   

Im Moment geht es für uns nur noch bergauf, in Richtung La Paz. Um die extremen Höhenunterschiede einigermaßen unbeschadet zu überstehen, machen wir mehrere Zwischenstopps, damit sich unser Organismus  anpassen kann. Wichtig ist die Vermehrung der roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport so wichtig sind. Wir erreichen die Stadt Sucre in 2700 Meter. Hier ist der geeignete Platz, um dem Körper Zeit zu geben sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Die Stadt bietet viele Sehenswürdigkeiten, die mehr oder weniger fußläufig zu erreichen sind, was wiederum gut für die Vermehrung der roten Blutkörperchen ist. Marion hat sich in der Zwischenzeit eine ordentliche Grippe zugezogen und muss zwei Tage das Bett hüten. Und ein anderes Phänomen tritt immer wieder auf, je höher wir kommen. Bedingt durch die immer trockener werdende Luft, verbessert sich Marion‘s Heuschnupfen und sie fühlt sich zusehends wohler. Bei mir ist es nun genau anders herum. Ich habe ständig mit einem dicht sitzenden und ausgetrockneten „Rüssel“ zu kämpfen, gerade in der Nacht ist das äußerst nervig, da ich nie durchschlafen kann, denn ich muss ewig das Riechorgan von dicken Klumpen befreien.

Es geht durch die 4200 Meter hoch gelegene Minenstadt Potosí, bis wir Uyuni in knapp 3700 Meter erreichen und es merklich kühler wird. Die Tagestemperaturen gehen kaum über die 15°C-Marke hinaus, des Nachts sinken sie bis Null Grad ab. Am zweiten Morgen ist die Landschaft mit Puderzucker überzogen, es hat in der Nacht geschneit und die Heizung brummt auf Hochtouren, um die Hütte angenehm warm zu halten. Uyuni hat sich sehr zum Nachteil verändert. War es vor 13 Jahren ein kleines verträumtes Örtchen, so ist es nun äußerst staubig und vermüllt. Der kleinste Windhauch, der meistens vom Salzsee kommt, lässt einen häufig die Hand vor den Augen nicht mehr erkennen. Zudem sieht man hunderte von vollgepackten Toyotas, die Massen von Touristen auf den Salar befördern.

Erwähnenswert sei noch dies. Bei einem Zwischenstopp in der Stadt Oruro, in 3700 Meter Höhe, halten wir an dessen Internationalen Flughafen an, denn, der Flughafenmanager hat ein Herz für Overlander und gewährt unserer Gemeinschaft freies Asyl, direkt vor dem Eingang des Flughafens und das noch für lau, inklusive Benutzung der Toiletten. Nebenbei steckt er uns noch, dass am nächsten Tag der Präsident Evo Morales hier landet, um seinem nicht weit entfernten Heimatdorf einen Besuch abzustatten. Und tatsächlich, am Nachmittag erwischen wir ihn mit der Kamera, wie er mit dem Hubi landet, ganz lässig, ohne Bewachung und großen „Tamtam“ aus selbigem steigt, über das Rollfeld spaziert und in seinem Learjet verschwindet. Ich mein, das hat schon was. Wann trifft man schon mal den Führer eines Landes und das noch so ungezwungen.

 

Video Evo Morales

 

Aus Ermangelung an Alternativen müssen wir das mit fast 20 € pro Nacht, völlig überteuerte Hotel Oberland anfahren. Auf einem kleinen Hinterhofparkplatz wird man hier eingepfercht. Das Einzige, was sich hier im Laufe der Jahre verbessert hat, sind eigenständige Toiletten und Duschen für den“ Campingbereich“, aber das ist auch alles. Mit Gert, einem hier ansässigen Deutschen, haben wir eine Tagestour durch La Paz gebucht, welche uns durch Gegenden führt, die wir allein sicher nicht gefunden hätten. Zudem kommt, dass Gert unglaublich viel Hintergrundwissen besitzt durch seine mehr als dreißig Jahre, die er hier schon wohnt. Die größte Veränderung, die uns sofort ins Auge sticht, ist ein ausgedehntes Netz von Seilbahnen, die die ganze Stadt flächendeckend überzieht, um in alle Stadtteile zu gelangen. Auch hier gedacht, um Massen von Menschen zu befördern. Andere Länder leisten sich U- sowie S-Bahnen, La Paz eben eine Seilbahn, mal was anderes und dafür höchst interessant, weil es einem einen unglaublichen Ausblick auf diese 2,5 Millionen-Einwohner-Stadt eröffnet. Im Zentrum stehen wir vor dem ehemaligen Regierungssitz, der obwohl recht beeindruckend groß, dem Präsidenten Morales wohl eben zu klein geworden ist, und hat sich daher just dahinter eine neue Hütte bauen lassen. Jetzt thront er in diesem riesigen Kasten, in dem er die oberen beiden Stockwerke allein bewohnt, denn er ist Junggeselle und hat immer einen Blick auf seine Untertanen. Hubschrauberlandeplatz inklusive auf dem Dach. So braucht er auch nicht mehr jeden Tag im Stau zu stehen, in dem diese Stadt tagtäglich versinkt. Just in dem Moment, wo wir unsere Fotos schießen, landet er auf seinem Penthouse.

Wir verlassen La Paz in Richtung Perú. Da wir aber nicht gerne spät am Nachmittag eine Grenze passieren, weil man eben nicht genau weiß, was einen in einem neuen Land erwartet, fragen wir an einer Grundschule nach, ob wir hier die Nacht verbringen dürfen. Die Antwort: Bien venidos en Bolivia. Herzlich willkommen in Bolivien. Gleichzeitig breitet sich nur mehrere Steinwürfe der Titicaca-See vor uns aus. Welch ein gelungener Abschluss eines Landes.

 

Es grüßen euch die Zwei vom höchst gelegenen, schiffbaren Gewässer der Welt.