Eine Frachtschiffreise mit der Grande Brasile vom 02.10. – 03.11.2017 

 

Eine Frachtschiffreise scheint die einzige Möglichkeit zu sein, ein 4x4-Wohnmobil namens Goliath, zusammen mit seinen beiden Besitzern, von Hamburg nach Montevideo (Uruguay) zu bekommen.

 

Wir verabschieden uns von unseren Freunden in Ostfriesland mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende, weil es nun endlich wieder so weit ist aufzubrechen, das weinende, weil wir sie wahrscheinlich mehrere Jahre nicht mehr sehen werden.

Hamburg ist erst mal unser Ziel, denn von hier soll unser Container- und Autofrachtschiff, kurz CORO genannt, nach Südamerika auslaufen. Am 01.10.2017 soll es los gehen.

Nachdem wir mehrmals unseren Agenten in Hamburg kontaktiert haben, ist es dann mit einem weiteren Tag Verspätung endlich soweit. Wir sollen uns am Montag, den 02.10.2017 um 11.00 Uhr, im Hafen einfinden. Nachdem alle erforderlichen Papiere bearbeitet sind, fahren wir mit vier weiteren Fahrzeugen und deren Besitzern in den Sicherheitsbereich des Hamburger Hafens. Nach kurzer Fahrt steuern wir auf die Grande Brasile zu, auf der wir mindestens die kommenden 4 Wochen auf der Nordsee und später auf dem Atlantik unterwegs sein werden.

 

Hier einige Daten zu unserem Schiff: Die Grande Brasile gehört zu einer Flotte von etwa 120 Frachtschiffen der italienischen Grimaldi-Gruppe. Es handelt sich hierbei nicht um ein reines Autofrachtschiff, sondern sie kann etwa 750 Container und ca. 2500 Fahrzeuge aufnehmen. Mit einem zulässigen Gesamtgewicht von etwa 56000 Tonnen, einer Länge von 214, einer Breite von etwa 32 und einer Höhe von 30 Metern inklusive Schornstein, gehört sie nicht zu den größten der Grimaldi-Flotte; beeindruckend ist sie dennoch allemal. Die rund 20000 PS erzeugt ein 7-Zylinder-Zweitakt-Diesel. Er wird uns durchschnittlich mit 30 km/h vorwärts schieben und  dabei schlappe 40-50 Tonnen Diesel oder Schweröl in 24 Stunden verbrauchen, je nachdem ob wir uns in Hafennähe oder auf dem offenen Meer befinden. Weiterhin hat unser Schiff fünf Doppelkabinen, die von Reisenden gebucht werden können. Man sollte frühzeitig buchen, da diese Plätze sehr begehrt sind. Ein Jahr im Voraus ist ratsam. Als wir am Schiff ankommen, ist die Verladerampe bereits unten und wir können Goliath direkt in den Schiffsbauch fahren. Wir befinden uns auf Deck 6 von insgesamt 12, nehmen unsere Reisetaschen und alles, was wir für die Überfahrt brauchen, schließen ab und werden zu unserer Kabine geführt. Goliath und die anderen werden später ordentlich mit Spanngurten verzurrt, damit sie bei schwerem Seegang nicht verrutschen können. Unsere Kabine ist etwa 3x4 Meter groß, ausgestattet mit zwei Etagenbetten, einem Schrank, einem Schreibbord und einem Stuhl, sowie eigener Toilette und Dusche. Wir haben uns bewusst für eine Innenkabine und somit ohne Fenster endschieden, da eine Außenkabine wesentlich teurer ist und wir sowieso mehrheitlich nur auf Wasser starren würden. Zudem bekommen wir eine Kurzanweisung, wann die Mahlzeiten eingenommen werden können, eine ausführliche Einweisung soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Noch am selben Tag, abends um 11.00 Uhr, heißt es Leinen los und wir verlassen im Schneckentempo unseren Anleger. Bei 11° C und steifer Brise verlassen wir Hamburg auf der Elbe in Richtung Nordsee. Wir bewundern das Lichtermeer Hamburgs mal aus einer ganz anderen Sicht und bereits eine Stunde später ist es um uns herum tiefschwarze Nacht. Erst spät in der Nacht falle ich in meinen wohlverdienten Schlaf. Der schwankende Kahn mit all seinen ungewohnten Vibrationen und Geräuschen ist doch etwas gewöhnungsbedürftig.

Marion hat bereits am nächsten Morgen schon mit Seekrankheit zu kämpfen und ist kurz davor sich das Frühstück nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Dank mitgeführter Reisetabletten verbessert sich ihr Zustand in den nächsten Stunden erheblich. Als wir dem englischen Kanal in Richtung der spanischen Hafenstadt Vigo entgegenfahren, wird auch das Meer ruhiger. Man kann sich wesentlich einfacher fortbewegen, ohne ständig irgendwo anzuecken oder sich festhalten zu müssen.

Am Freitag des 06.10.2017 erreichen wir die vorgelagerten Inseln der spanischen Küste vor Vigo. Starker Nebel vor uns behindert die Sicht. Wir bewegen uns mit Schrittgeschwindigkeit, um nicht mit den vielen kleinen Fischerbooten zu kollidieren, eine Gruppe Delfine begleitet uns. Marion und ich bewundern neben der Brücke stehend die einzigartige Stimmung bei aufgehender Sonne. Plötzlich ertönt das Schiffshorn, um die Fischer zu warnen. Das Ding ist so laut, dass es einem fast das Hirn rausbläst. So eine Tröte bräuchten wir an unserem Fahrzeug, allein die Druckwelle würde uns immer die Bahn frei halten. Gegen Mittag können wir aber erst in den Hafen einlaufen, da mehrere große Autofrachter die Anleger in Beschlag halten. Nachdem wir angelegt haben, wird auch schon die Auffahrrampe herunter gelassen und hunderte von Peugeot- und Citroën-Neufahrzeugen verschwinden im Schiffsbauch. Nachts um zwei legen wir schon wieder ab in Richtung der westafrikanischen Hafenstadt Dakar im Senegal. Am frühen Morgen wird unser Dampfer plötzlich langsamer und kommt völlig zum Stillstand. Der Kapitän informiert uns, eine leckende Ölleitung müsse repariert werden und es sei wesentlich billiger das auf hoher See zu machen, als die teuren Hafengebühren zu zahlen, schließlich habe man alles erforderliche dabei. So dümpeln wir bis spät in die Nacht auf dem mittlerweile spiegelglatten Atlantik vor uns hin. In nicht allzu großer Entfernung steht noch so ein Ozeanriese und hat scheinbar die gleiche Idee. Scheint hier die Reparaturmeile zu sein. Erst spät in der Nacht ist das Problem behoben und wir nehmen wieder Fahrt auf. Na, das kann ja heiter werden!!

Wir haben noch nicht mal zwei Tage den Hafen Vigo verlassen, da werden die Smartphone- und Internetjunkies schon wieder nervös, es wird gemutmaßt, ob sie bei der Durchfahrt der Kanarischen Inseln evtl. ein Signal bekommen. Schon Stunden vorher richten sie ihre Smartphones gen Himmel, in der Hoffnung das anscheinend überlebenswichtige Signal einzufangen. Wie krank ist diese Welt geworden!!!!!!! Dann wird das Schiff wieder langsamer und kommt ein weiteres Mal gänzlich zum Stillstand. Wieder dümpeln wir mehrere Stunden auf dem glatten Atlantik vor uns hin, dass Kühlwasser sei zu heiß geworden, wer weiß, ob’s stimmt? Unter uns ist das Meer 3700 Meter tief, für mich nicht wirklich beruhigend. Nach 3-4 Stunden nehmen wieder Fahrt auf, als wäre nichts gewesen. Am Abend des darauffolgenden Tages erreichen wir die Kanarischen Inseln. Alle Handysüchtigen rennen plötzlich an Deck, weil einer ein tragfähiges Signal erhaschen kann. Das Überleben scheint vorerst gesichert.

Und seit wir auf dem Atlantik sind, haben wir jeden Tag perfektes Wetter bei fast glatter Wasseroberfläche. Die Temperaturen steigen täglich bei strahlend blauem Himmel. Die Besatzung, bestehend mehrheitlich aus Philippinos, und die Offiziere, bestehend aus Bulgaren, Polen und Kroaten, ist ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Drei Mahlzeiten werden angeboten, angefangen mit einem deftigen Frühstück, unter anderem mit Eiern und Speck, sowie einem warmen Mittag- und Abendessen, und werden in einem Raum, zusammen mit den Offizieren, eingenommen; allerdings an separaten Tischen. Es herrscht eine äußerst lockere und entspannte Atmosphäre. Marion und ich entscheiden uns jedoch schon nach kurzer Zeit das Abendessen auf einen Salat zu beschränken, ansonsten können sie uns am Ende der Reise vom Schiff rollen. Ach ja, anscheinend gibt es jeden Samstag einen Grillabend mit Livemusik. Die drei philippinischen Bandmitglieder mit Gitarrist, Schlagzeuger und Sänger geben alles, wobei letzterer die Texte von seinem Smartphone ablesen muss. Er singt etwas schräg, aber alle haben viel Spaß. 

Um Mitternacht, vom 11. auf den 12.10.2017, laufen wir in Dakar ein, es ist schwül und heiß. Einige Tage zuvor wurden vom Kapitän Anti-Malaria-Tabletten verteilt sowie ein Mückenrepellent. Wir verzichten auf die Tabletten und schwören weiterhin auf unsere altbewährte Technik des Einreibens mit Mückenschutzmittel. Die Möglichkeit von Bord zu gehen, nehmen wir auch nicht war; es ist uns zu heiß und die Zeit erscheint uns zu kurz, denn voraussichtlich um 21.00 Uhr laufen wir schon wieder aus. Außerdem finden wir es viel interessanter vom Schiff aus dem Treiben im Hafen zuzuschauen. Erschreckend ist es für mich mit anzusehen, wie gebrauchte PKW abgeladen werden, die vorher noch in guten Zustand waren. Da die Hafenarbeiter das mitgelieferte Verladegeschirr anscheinend noch nie gesehen haben, werden die Rohre kurzerhand auf afrikanische Weise umfunktioniert, einfach vorne und hinten quer unters Auto geschoben. Na geht doch!!!! Wenn auch sämtliche Kotflügel sowie Front- und Heckschürzen an allen Fahrzeugen danach demoliert sind, wichtig ist sie fahren noch. Außer ein Peugeot, an dem sich die Elektronik wie von Geisterhand selbstständig gemacht hat und sich die Türen verriegelt haben (hallo Kathy, kommt dir das vielleicht irgendwie bekannt vor?), muss kurzerhand mit dem Brecheisen bearbeitet werden. Am Abend des 12.10. um 22.00 Uhr laufen wir schon wieder aus in Richtung Brasilien.

15.10.2017, 13.55 Uhr. Mehrfach ertönt das unüberhörbare Schiffshorn und signalisiert uns das Überqueren des Äquators. Damit verbunden ist auch die Äquatortaufe für Passagiere und Besatzungsmitglieder, die zum ersten Mal den Äquator auf der Grande Brasile überqueren. Auf dem Deck sind mehrere Rettungsringe in Abständen hochkant befestigt. Alles ist mit schlüpfriger Seifenlauge eingesprüht. Jeder der Neulinge muss nun durch die Rettungsringe hindurchkriechen, wobei er zusätzlich von zwei Feuerwehrschläuchen bespritzt wird. Eigentlich für die meisten keine riesen Aktion, aber zwei der Äquator-Frischlinge, einer der Crew und einer der Mitreisenden, sind etwas beleibter und bleiben in den Ringen stecken. Was für ein Spaß! Anschließend erfolgt die eigentliche Taufe im schiffeigenen Salzwasserpool, in dem man untergetaucht wird und einen speziellen Namen bekommt, den alle Bordmitglieder zusammen aussuchen. Mir gibt man den Namen Shark (also Hai, warum auch immer) und Marion wird auf den Namen Star Fish getauft (bedeutet Seestern). Die anschließende Grillparty rundet den Tag erfolgreich ab. Ansonsten wiederholt sich der Tagesablauf immer wieder. Der Atlantik ist immer noch flach wie eine Scheibe und außer unzähligen fliegenden Fischen, die dem Schiff versuchen auszuweichen, gibt es nicht viel zu berichten. Wir hoffen, das bleibt so – zumindest was die ruhige See angeht.

19.10.2017 gegen 9.00 Uhr erreichen wir den brasilianischen Hafen von Vitoria. Doch zuvor werden wir Zeugen eines beeindruckenden Schauspiels. Unzählige Wale tummeln sich an der Küste. Einige kommen bis auf hundert Meter an uns heran, andere wiederum machen ihre morgendlichen Turnübungen. Anlauf nehmen aus der Tiefe der See, um dann ihre massigen Körper aus dem Wasser zu katapultieren und anschließend mit einem lauten „Platsch“ aufs Wasser aufzuschlagen. Andere wiederum gleiten gemächlich dahin, wir sehen nur ihre Rücken sowie die riesige Schwanzflosse. Um 11.00 Uhr haben wir uns endlich Zentimeter für Zentimeter an die Kaimauer manövriert. Nach 17 Tagen sind wir zumindest schon mal in Brasilien angekommen. Bis wir in Montevideo einlaufen, sollen noch einige Tage vergehen.

Am Morgen des 20.10.17 um 2.00 Uhr, nachdem wir 2300 Porsche sowie Volvo-SUV’s und etliche Container ausgeladen haben, legen wir schon wieder ab, in Richtung Rio de Janeiro. Noch am selben Abend, gegen 19.00 Uhr, laufen wir im Schritttempo in den Hafen von Rio ein. Bei untergehender Sonne erstreckt sich vor uns die Skyline von Rio. Etwas weiter entfernt sehen wir die Copacabana an uns vorbeiziehen. Direkt vor uns türmt sich der legendäre Zuckerhut auf und im Hintergrund breitet die Christusstatue ihre Arme aus. Wenig später weicht das Tageslicht und die Stadt wird in ein unglaubliches Lichtermehr verwandelt. Wann erlebt man so etwas schon mal?

Am nächsten Morgen um 7.00 Uhr soll es schon wieder losgehen, jedoch wird sich der Lotse verspäten. Um 11.00 Uhr legen wir dann endlich ab. Wir freuen uns schon auf eine traumhafte Aussicht aber…… es ist neblig und trüb, alles bleibt in den niedrighängenden Wolken verborgen. 22.10.2017. Nach etwa 15 Stunden Fahrzeit erreichen wir den brasilianischen Hafen Santos. Um 2.00 Uhr in der Nacht wird die Ankerkette runtergelassen. Wieder dümpeln wir vor uns hin. Der Kapitän erklärt uns, laut Tarif müssen die Hafenarbeiter an Wochenenden besser bezahlt werden, deshalb bleibt der Hafen halt geschlossen. So reihen wir uns in die Flotte von mehr als 50 Ozeanriesen ein, die alle locker flockig ihre schwarzen Qualmwolken rauspusten. Was an diesem Wochenende hier unnützerweise an Treibstoff verballert wird, verbraucht ganz Berlin und Frankfurt zusammen wahrscheinlich nicht im Monat. Und in Deutschland diskutiert man vielleicht schon wieder über die nächsthöhere Eurostufe – was für ein Schwachsinn!!!!! Aber einer muss ja schließlich die Welt retten!? Um 17.00 Uhr ist alles wieder Schnee von gestern. Obwohl Sonntag ist, können wir in den Hafen einlaufen. Die Liegezeit würde nicht berechnet, berichtet uns der Kapitän. Es ist schon fast wieder dunkel, da fahren wir auf die Strandpromenade der Millionenstadt Santos zu. Noch nie habe ich so viele Hochhäuser so geballt auf einer so riesigen Fläche gesehen und alles versinkt in einem atemberaubenden Lichtermeer. Bis wir unseren Anlegeplatz erreichen, vergehen 45 Minuten, vorbei an den größten Ozeanriesen, die ich je gesehen habe. Montag, 23.10.2017 gegen 6.00 Uhr – man hat angefangen auszuladen. Um 14.00 Uhr legen wir schon wieder ab.

Am Mittwoch, den 25.10.2017 gegen 9.00 Uhr, tritt der Kapitän plötzlich die Bremse und der Kahn kommt wieder einmal zum Stillstand, jedoch nur bis zum nächsten Morgen, angeblich wegen Reparaturarbeiten am Schiffsmotor. Am Morgen des 27.10.2017 fällt schon wieder die Ankerkette auf den Meeresgrund. Wir sind an der Mündung des Rio de la Plata angekommen. Diesen Fluss müssen wir noch etwa 20 Stunden hinauffahren bis wir die argentinische Hafenstadt Zarate erreichen, unser vorletztes Ziel. Nach Auskunft des Kapitäns sind wir zu früh dran und wir müssten bis Montag den 30.10.17 hier ankern, bevor der Lotse kommt, der uns den Fluss hinaufführt. Nach drei Tagen Stillstand vor der Küste Argentiniens und Uruguays kommt morgens um 8.00 Uhr, nach zweistündiger Fahrt, Montevideo in Sicht. Wir nehmen den Lotsen auf und Tschüss Montevideo, wir kommen in ein paar Tagen wieder. Vorbei geht’s an Buenos Aires, nur wenige Kilometer entfernt, und kurze Zeit später biegen wir in den schmalen Rio Paraná ab und nach weiteren acht Stunden erreichen wir die argentinische Hafenstadt Zarate. Die argentinische Arbeitsmoral lässt allerdings sehr zu wünschen übrig, man hat’s hier nicht sonderlich eilig. Wurden in Brasilien sehr zügig 10-15 Containerpro Stunde auf- oder abgeladen, schaffen die Argentinier gerade mal vier. Drum kommen wir auch erst zwei Tage später wieder in Fahrt.

Am Morgen des 03.10.2017 um 4.00 Uhr legen wir in Montevideo an. Ich bilde mir ein, Goliath erleichtert schnaufen hören zu können, als wir den Schiffsbauch betreten. Komm alter „Junge“, nehmen wir Amerika ein zweites Mal unter die Räder.

 

Bis dahin Marion und Walter.

 

Video: Ueberfahrt mit der Grande Brasile