Marokko - Von Tafraoute über Tizi'n'Tichka bis kurz vor Marrakesch.

 

Reisezeit: 03.12.2012 – 25.12.2012

 

Als wir in die Gegend von Tafraoute kommen, haut es mich fast aus den Latschen. Für mich ist es bislang die schönste Ecke in Marokko. Gelegen auf 1000 Meter Höhe, ist dieser Ort umgeben von Bergen, die übersät sind von runden Granitblöcken verschiedenster Größen und Formen. Die hier lebenden Menschen haben ihre Häuser zum Teil in die runden Felsbrocken integriert. Eine wahrhaft beeindruckende Gegend. Allerdings ist es zurzeit rattenkalt hier, zumindest nachts. Permanent sinkt das Thermometer in den frühen Morgenstunden auf 0 Grad ab, wobei die Temperaturen am Tag sich bei 25 Grad einpendeln. Über Mundpropaganda haben wir vom Camping Granit Rose gehört, der anscheinend der Beste sein soll. Omar, der Verwalter, soll zudem noch eine vorzügliche Tagine machen. Gleichzeitig soll es anscheinend über Omar möglich sein, eine Visumsverlängerung zu arrangieren. Zusammen mit zwei weiteren Paaren geben wir Omar unsere Anträge in die Hand und harren der Dinge, die da kommen. Eine Woche vergeht, nichts passiert und unser Visum läuft in 11 Tagen ab. Vorsichtig fragen wir nach, weil wir wissen, dass er sehr reizbar ist. Gestern erst hat er einen Wohnmobilisten vom Platz gejagt und ist dabei völlig ausgerastet. Als nach uns noch jemand nach der Verlängerung fragt, flippt er total aus, zertritt seine Sonnenbrille, tritt Türen ein und Blumenvasen um. Nach meiner Einschätzung ist der Typ reif für die „Klappsmühle“.

Kurze Zeit später kommt er angeschlichen und versucht sich bei uns und den anderen einzuschleimen. Beim letzten Mal kam er mit Plätzchen, heute kommt er mit selbstgemachter Suppe und dem Spruch, ich bin nicht aggressiv, nein ich bin nicht aggressiv! Nachdem wir nun mehrere Male diese Wutausbrüche miterlebt haben, ist das Maß voll! Wir können diesen Platz auf keinen Fall mit ruhigem Gewissen weiterempfehlen und beschließen am nächsten Morgen auf den Nachbarcamping Tazka umzusiedeln. Der dortige Besitzer, Jamal, will uns bei der Visumverlängerung behilflich sein. Kaum zu glauben, aber war! Nach zwei Tagen haben wir unsere Verlängerung für die nächsten drei Monate in der Tasche, und die anderen warten immer noch. Jamal hatte uns gesagt, dass die Visumverlängerung umsonst ist, jedoch lässt der Polizist durchblicken, dass er 100 DH für seine Turbobearbeitung haben möchte, wahrscheinlich um seinen Mercedes, den er fährt, zu finanzieren. Jamal will für uns die 100 DH bezahlen, denn er habe schließlich gesagt es sei umsonst. Das kommt für uns natürlich nicht in Frage, wir sind schließlich froh, endlich unser Papier in den Händen zu haben. Wir können diesen Campingplatz nur wärmstens empfehlen, denn auch die Preise sind niedrig, im Gegensatz zu den meisten Plätzen im Land. (25 DH für unser Fahrzeug + 10 DH p.P., Strom, Duschen, Waschmaschine extra). Der Camping Tazka hat noch eine Besonderheit. Es gibt hier sogar nette „Frenchis“, unter anderem lernen wir Alain und Monique kennen, unterwegs mit einem Toyota Landcruiser. Mit ihnen fahren wir zu den Painted Rocks, wo alle Touristen von schwärmen. Wir sehen es allerdings als Verschandelung der Natur an. Und diese Sauerei wird auch noch Kunst genannt. Ein offenbar verrückter Künstler hat hier mitten in dieser grandiosen Natur einige dieser schönen Felsen mit blauer Farbe angepinselt. Was für eine Schande!!!

Der Palmenhain von Aït Mansour ist ein nicht weit entferntes, weiteres Ziel. Eine enge Schlucht, dicht bewachsen mit Palmen und anderem Gesträuch. Alain und Monique sind diese Strecke vor drei Jahren schon einmal gefahren und sind der Meinung, dass es mit unserem Goliath auch machbar sei. Bevor wir uns hier hereinwagen, laufen wir einen Großteil der Strecke zu Fuß ab. Scheint machbar zu sein, wenn auch zum Teil sehr eng und kaufen unterwegs altes „Gummibaguette“, weil scheinbar nichts anderes zu kriegen ist in dieser Einöde.

Kurze Zeit später kommt uns ein mit frischem Brot voll beladener Renault Kombi, Marke Uralt entgegen und alle rufen wir wie aus einem Munde: „Oohhhhh, da fährt unser Brot!“ Als wenn der Bäcker es gehört hätte, latscht er in die Bremse und kommt neben uns zum Stehen. Er sieht unser „Labberbaguette“, wirft es auf seinen Sitz, mit den Worten, das werde ich schon irgendwo wieder los, aber ihr braucht was frisches, nimmt Marion kräftig in die Arme und weg ist er auch schon wieder.

Im weiteren Verlauf der Strecke kommt es allerdings so heftig, dass ich gerne wieder umgedreht wäre, was allerdings aus Mangel an Platz kaum möglich ist. Büsche, Bäume und anderes Zeug, haben sich der Piste bemächtigt, dass kaum noch die Taxis, Marke Ford Transit, durchkommen. Wir schieben uns über mehrere Kilometer einfach hindurch. Ein Fußgänger, der uns entgegen kommt, ruft uns zu: „Ça, c’est le vrai tourisme.“ Übersetzt: Das ist noch wahrer Tourismus. Wir hätten uns diese Tortur allerdings gerne erspart und können sie auch niemandem mit der Größe unseres Fahrzeugs empfehlen, es sei denn, er will es sowieso lackieren lassen und die Fenster austauschen.

Mittlerweile stehen wir ein zweites Mal in Ouarzazate, nachdem Alain und Monique eine andere Richtung eingeschlagen haben. Bei Marion ist voll das Weihnachtsfieber entbrannt, denn in zwei Tagen haben wir Heiligabend. Unsere Hütte wird geschmückt, was das Zeug hält. Wo hat die bloß all das Zeug versteckt gehalten?

Nikolaus, Engelchen und Co. zieren nun Wände, Fenster und Decke, selbst eine Lichterkette hat sie irgendwo ausgegraben. Heute, am 22.12.12, hat sie ein Röllcheneisen ausgebuddelt und den ganzen Vormittag Waffelhörnchen gebacken und gerollt. Nun kann das Christkind kommen!

Ich habe mich auf den Weg in die Stadt gemacht, um nach Lackpolitur zu suchen, denn bei einer so wichtigen Arbeit, wie der Vorbereitung des Weihnachtsgebäcks, darf ich meine Frau nicht stören. Alain hat mir erzählt, er poliere seine von Ästen verkratzen und streifigen Kunststofffenster mit eben dieser Lackpolitur. Also stehe ich bestimmt zwei Stunden abenteuerlich auf den letzten zwei Sprossen meiner Leiter und versuche die Schandtaten der letzen Tage wieder gut zu machen. Und tatsächlich, es funktioniert, zumindest unser Küchenfenster kann sich wieder sehen lassen und ich habe morgen bestimmt einen Muskelkater im rechten Arm. 24.12.2012 und auch noch Heiligabend, aber der Muskelkater ist ausgeblieben. Marion steht in der Küche und bereitet unser Festessen vor. Auf der Speisekarte steht zur Feier des Tages Hirschgulasch mit Knödel, Erbsen und Karotten und als Nachtisch Karamelcreme mit Sahne. Ha, was glaubt ihr denn, dass es nur euch zu Hause gut geht?! Der Hirsch ist allerdings aus der Dose, aber was soll‘s. Doch bevor ich was auf den Zahn kriege, bekomme ich noch den Auftrag von der Chefin, wieder auf die wackelige Leiter zu steigen, um noch die restlichen zwei Fenster zu polieren, schließlich müsse man an Heiligabend durch saubere Fenster schauen können.

26.12.2012. Träge vom guten Weihnachtsessen brechen wir unsere Zelte in Ouarzazate ab und machen uns auf den Weg Richtung Marrakesch. Auf dem Weg liegt Äit Benhaddou, ein Ort, der schon für viele Spielfilme herhalten musste, wie z.B.: „Der Gladiator“, „Lorenz von Arabien“, und selbst Harrison Ford war hier, um was weiß ich für einen Streifen zu drehen. Touristisch ziemlich überlaufen, die Menschen werden hier busweise angekarrt. Eigentlich wollen wir allein den Ort erkunden, der sich faszinierend in die umliegenden Berge integriert, bis sich Abdoul Sakhal aufdrängt. Abdoul, schon etwas älteren Jahrgangs, will uns durch den Ort führen, ohne dass wir vom üblichen Touristennepp belagert werden. Bezahlen sollen wir ihn am Ende der Tour und wir können entscheiden, was wir geben wollen. Normalerweise gehen mir bei dieser „Anmache“ die Nackenhaare hoch, in diesem Fall jedoch, ist es wirklich eine gute Investition, denn Abdoul hält was er verspricht.

In keinem der Touristengeschäfte werden wir genötigt, denn er sagt selbst, hier „ledern“ sie dich nur ab. In gebrochenem Deutsch berichtet er uns ausführlich über dieses schöne Dorf, welches Weltkulturerbe der UNESCO ist. Wir können ihn anderen Reisenden nur wärmstens weiterempfehlen.

Zum guten Schluss suchen wir uns auf dem Weg zum Tizi’n’Tichka-Pass einen Übernachtungsplatz in der zerklüfteten Bergwelt bei 1600 Meter Höhe. Der Wind peitscht uns nach Sonnenuntergang gehörig um die Ohren, bei stetig sinkenden Temperaturen, aber wofür gibt es denn Webasto? Den Tizi’n’Tichka-Pass sollte man sich nicht entgehen lassen. Mit jeder Art von Fahrzeug befahrbar, komplett asphaltiert, sorgt er mit seinen hunderten von Kurven für spannende Ausblicke in die faszinierende Bergwelt des Hohen Atlas. Fast hinter jeder Kurve verbirgt sich ein neues Ahhhh- und Ohhhh-Erlebnis. Getrübt wird diese Tour nur durch die vielen penetranten Händler, die ihre Waren anbieten und die natürlich dort stehen, wo die schönsten Aussichtspunkte sind.

Irgendwann unten im Tal wieder angekommen, zeigen sich dann unübersehbar die Hinterlassenschaften der Zivilisation. In den ersten kleinen Dörfern nach dem Pass bieten Straßenrestaurants und kleine Läden ihre Waren an. Viele Lkw-Fahrer machen hier Rast und jeder entsorgt seinen Müll im Flussbett direkt an der Straße. Der nächste Regen mit seinen reißenden Fluten wird’s schon richten.

 

Wir wünschen euch schöne Weihnachten, einen guten Rutsch und wir sehen uns in Marrakesch.

Die 2.