Marokko - Todra-Schlucht, Ouarzazate und Erg Chegaga.

Reisezeit:  13.10.2012 – 13.11.2012

Über Alnif und Tinerhir geht es weiter nach Agoudal. Ab hier geht eine atemberaubende Bergpiste nach Ouarzazate durch das Vallée du Dadès (Dadès-Tal). Was uns hier erwartet, braucht sich hinter Bolivien nicht zu verstecken. Eine landschaftlich unglaublich schöne Strecke mit einem Schnitt von 23 km/h und einem schier unglaublichen Durst von Goliath. Wir schrauben uns bis auf 2700 Meter hoch. Im Schritttempo geht es zum Teil nur weiter. Die Piste so schmal ist, dass wir beide unsere Köpfe aus den Fenstern halten. Ich, um zu sehen wie weit ich an den losen und unbefestigten Abhang kann und Marion muss auf der anderen Seite sehen, dass wir uns nicht die Reifen an der scharfen Felswand aufschlitzen. Die gesamte Strecke ist an einem Tag für uns nicht zu schaffen, drum übernachten wir in 2300 Meter Höhe bei fast eisigen Temperaturen. Unser Thermometer zeigt am Morgen nur noch 7 Grad an. Welch ein Unterschied zu den Tagen zuvor.

Am gleichen Tag erreichen wir Ouarzazate. Wegen des bevorstehenden Hammelfestes werden von überall Hammel- und Ziegenherden auf dem Markt zusammengetrieben. Nur gut, dass die Tierchen nicht wissen, dass ihnen bald die Kehle durchgeschnitten wird, sonst würden sie sicher das Weite suchen. Das Aussuchen des richtigen Hammels geht wie folgt von statten: Zuerst wird dem Tier ins Fell gepackt, dann wird der Schwanz begutachtet, danach die Eier (Hoden) in die Hand genommen, ach ja, und ins Maul wird auch noch geschaut (ob die Zähne geputzt sind?). Dann gehen die Verhandlungen los und die können sich hinziehen. Wir haben mal nachgefragt: Ohne zu verhandeln hätte ein Hammel ca. 160 Euro gekostet. Wer bis zum letzten Tag zögert, kann auch schon mal 4500 Dirham hinblättern.

Einige Tage später starten wir wieder durch und entscheiden uns für die Piste auf der Ostseite des Drâa-Tales. Wer es auf die harte Tour mag kann bei N30° 42‘ 10.1“ W6° 10‘ 46.6“ in die Piste einsteigen, so wie wir. Gleichzeitig zieht hinter uns eine bedrohliche Schlechtwetterfront auf. Ob das eine gute Idee ist, jetzt durch die Berge zu fahren? Anfangs geht’s noch locker voran. Im späteren Verlauf wird die Piste schmaler, die Palmen stehen immer enger und auch die Kurven können ohne mehrmaliges Rangieren nicht mehr bewältigt werden. Gleichzeitig sind sie oft so schräg, dass Goliath droht ein weiteres Mal aufs Kreuz gelegt zu werden. Und dann setzt er ein, der Weltuntergang. Es schüttet wie aus Kübeln und in wenigen Minuten füllen sich sämtliche, eben noch trockene Bachläufe zu reißenden Flüssen. Menschen kommen zusammen um sich das Schauspiel anzusehen, wie ein blöder Tourist seine Kiste im reißenden Fluss versenkt. Nachdem uns aber mittlerweile das Wasser bis Oberkante Stoßstange reicht und aus den Flusskieseln Hinkelsteine geworden sind, beschließen wir auf einer Anhöhe, wo wir definitiv nicht von den reißenden Fluten erreicht werden können, für heute Schluss zu machen und hier zu übernachten.

Der nächste Tag empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein, als wäre nichts gewesen. Das Wasser ist verschwunden und nur einige Pfützen zeugen vom schweren Unwetter am Vortag. Wir allerdings entscheiden uns diese Piste nicht weiter zu fahren und auf die Straße auf der anderen Seite des Drâa auszuweichen. Wer sich diese Piste antun möchte, sollte keinesfalls größer als Goliath sein, sollte sehr hohe Bodenfreiheit besitzen und auf jeden Fall 4x4-Antrieb haben!!!!!!

Wir sind auf dem Weg nach Mhamid, um am Treffen des Sahara-Clubs teilzunehmen und kommen durch Zagora. Hier findet die letzte Etappe der Rallye Maroc statt und wir beschließen den Tag an der Rennstrecke zu verbringen. Und da passiert es auch schon! Nicht weit von uns ist eine Senke, ca. 5 Meter lang und 50 bis 80 cm tief. Im Roadbook scheint wohl ein Fehler unterlaufen zu sein, weil folgende Fahrzeuge das gleiche Problem haben. Mit einer Höllengeschwindigkeit übersieht der Fahrer diese Senke, kracht auf der anderen Seite mit der Schnauze in den Acker, hebt hinten ab, überschlägt sich vorwärts und kommt mit dem rechten Vorderrad nach ca. 50 Metern zum Stehen. Beide Fahrer steigen noch aus und fallen gleichzeitig neben ihr völlig verbeultes Fahrzeug. Ich laufe zur Unfallstelle, Fahrer und Copilot sind bei Bewusstsein und klagen über starke Rückenschmerzen. Der Fahrer gibt mir zu verstehen den Notruf im Cockpit zu betätigen. Bloß, wo ist in dem Gewusel von Elektronik dieser Knopf. Ahhhh, da ist er ja, fett und rot. Ich drücke drauf, es piepst und plötzlich meldet sich eine Stimme. Ich schildere die Situation und 30 Minuten später landen zwei Helikopter. Nach ärztlicher Erstversorgung, laden wir die beiden in die Helikopter und sie werden nach Marrakesch ins Krankenhaus geflogen. Zum Schluss gibt mir der chilenische Fahrer noch die Hand, bedankt sich mehrmals mit den Worten, ab jetzt hätte ich einen Freund in Santiago de Chile. Mittlerweile ist auch das letzte Rallyefahrzeug an uns vorbei und wir machen uns auf nach Mhamid, wo wir dann endlich Conny und Christian aus Österreich, mit ihrem Nissan Patrol, treffen. Wir kennen uns bislang nur aus dem Internet. Mehrfach haben wir versucht einige Pisten zusammen zu befahren, jedoch haben wir uns immer wieder verfehlt.

Gleichzeitig treffen noch zwei weitere österreichische Fahrzeuge ein und wir beschließen nach diesem Treffen einige Tage mit ihnen auf die Piste zu gehen.

Nach dem Sahara-Clubtreffen setzt sich ein lustiger Trupp aus drei österreichischen und einem deutschen Fahrzeug in Gang, um die nächsten Tage auf der Piste zu verbringen. Patrol-Conny und -Christian führen uns an. Sie sind beide elektronisch auf dem Höchststand ausgerüstet. Mal schauen was besser ist, Elektronik oder langjährige Pistenerfahrung. Die beiden haben natürlich schon die bevorstehende Piste von ca. 160 Km auf dem wasser- und rüttelfesten Paris-Dakar-PC und über Google Earth abgecheckt. Wir lieben eher die Überraschungen. Am Ortsausgang von Mhamid bleibt unser Konvoy stehen und alle, außer uns, lassen Luft ab, weil wir unter anderem ein Dünengebiet (Erg Chegaga) durchqueren wollen. Luft ablassen kann man ja schließlich immer noch. Und tatsächlich, nach wenigen Kilometern kommt der Sand, allerdings fahren wir im Zickzack zwischen den großen Dünen hindurch. Es macht eine Riesengaudi durch den Sand zu wühlen, ohne 4x4-Antrieb geht allerdings nichts. Unser Goliath bläst permanent schwarze Rauchschwaden in die Luft, weil ich das Gaspedal bis auf das Bodenblech durchtreten muss, andernfalls würden wir unweigerlich steckenbleiben. Ab und an bin ich tatsächlich soweit Luft aus den Reifen zu lassen. Im Rückspiegel sehe ich nur noch aufgewirbelten Staub vermischt mit tiefschwarzen Auspuffgasen von unserem schnaufenden Goliath. Da wir an diesem Tag erst spät losgekommen sind, bleiben wir irgendwo in den Dünen stehen und verbringen die Nacht an der Piste.

Die traumhafte Landschaft muss man sich allerdings mit Milliarden von Fliegen teilen, die einen attackieren sobald man anhält. Ohren, Nase, Mund und Augen sind die begehrten Ziele dieser Plagegeister. Sie können einem zuweilen mächtig auf die Nerven gehen. Am nächsten Tag haben wir nur noch wenige Kilometer und der Sand geht zu Ende. Nach ca. 50 Kilometern durch die Dünen erreichen wir eine flache Ebene. Auf dem ausgetrockneten See Iriki können wir mal wieder richtig die Sau rauslassen. Nachdem wir am Tag zuvor mit einem Schnitt von 11-15 km/h durch den Sand gepflügt sind, zeigt unser Tacho nun eine Geschwindigkeit von knapp 90 km/h an. Kurz vorher haben uns noch einige Hobby-Endurofahrer mit deutschem Kennzeichen im Sand überholt, jetzt wo sie richtig die Brause aufmachen könnten ist „Hängen im Schacht“, ich bin ihnen dicht auf den Fersen. Nach wenigen Kilometern siegt die Vernunft und ich gehe vom Gas. Wenn man bei dem Tempo etwas übersieht, kann es einen blitzschnell aus den Federn hebeln und deine Kiste löst sich in alle Einzelteile auf. Am Ende des Sees geht es abrupt wieder runter vom Gas und die letzten ca. 50 Kilometer geht's mit max. 30 km/h über eine üble steinige Piste, bis wir am Nachmittag den Ort Foum-Zguid erreichen und gleichzeitig auch wieder Asphalt unter die Räder bekommen.

Ab Foum-Zguid fahren nur noch Conny und Christian mit uns weiter, von den anderen, Carmen und Till sowie Doris und René, verabschieden wir uns. Schön war es mit euch!


Video 1 ; Video 2 ;


Im Ort Tata machen wir einen Tag Pause, weil gerade das Hammelfest begonnen hat. Am frühen Morgen hört man noch überall die Hammel und Ziegen blöken, doch mit fortschreitenden Stunden verebben die Stimmen so nach und nach, und in allen Gassen, die man durchläuft, rinnt das Blut über die Bordsteine; überall riecht es nach Tod!!!!! Sämtliche Straßen und Gassen sind während des Festes wie leergefegt, man sieht keine Menschenseele, alles ist wie ausgestorben. Den ganzen Tag werden nun im Kreise von Familie und Verwandtschaft die Tierchen verspeist, die morgens noch so fröhlich geblökt und gemeckert haben. Also ich glaube, müsste ich mein eigenes Schnitzel schlachten, ich würde Vegetarier! Wer zum Hammelfest in moslemischen Ländern unterwegs ist, sollte mit einplanen, dass in den nächsten zwei Tagen so gut wie nix geht. Fast alle Läden haben dicht. Man sollte sich gut mit Vorräten eindecken.

Am darauf folgenden Tag wollen Christian und Conny auf eine Piste abzweigen, die durch ein Flussbett verläuft. Eigentlich hätte es uns ja schon im Vorfeld spanisch vorkommen müssen, denn viele dieser sonst ausgetrockneten Flussbette stehen im Moment unter Wasser. Und so kommt es auch, nach drei Kilometern das erste gefüllte Oued mit schnell dahinfließender, brauner Pampe und kein Mensch weiß wie tief. Nach kurzer Überlegung rutscht Christian die steile, schmierige Uferböschung runter und taucht in die braunen Fluten. Na, besser der wie wir. Wir können ihn zur Not wieder rausziehen, er uns nicht. Die Pampe steht ihm bis an die Motorhaube, er zögert, will zurück, geht nicht, Böschung zu hoch. Also ab durch die Mitte und ..... geht doch, war gar nicht so schlimm! Wir hinterher, jedoch nach kurzer Weiterfahrt brechen wir ab, weil wir nur noch Wasser sehen. An unserer alten Stelle können wir nicht mehr hoch, zu matschig. Conny watet schlussendlich „todesmutig“ an anderer Stelle durch die reißenden Fluten, die am Ende max. hüfttief sind, um eine Durchfahrt zu finden. Geschafft, Conny wir sind stolz auf dich!

Wieder festen Boden unter den Rädern, beschließen wir, solche Eskapaden nicht mehr zu riskieren. Wir erreichen Tan Tan Plage an der Atlantikküste. Das wilde Stehen ist hier seit einiger Zeit nicht mehr erlaubt, somit ist Campingplatz angesagt. Der einzige, der momentan geöffnet hat, ist der Sable d`or für 65 DH/Nacht inklusive warmer Duschen. Zwei Tage später verabschieden sich Christian und Conny von uns, sie müssen wieder heimwärts. Es war schön mit euch beiden!

Marion hat beschlossen, es müsste mal wieder gewaschen werden. Sie hat's ja auch gut, sie hat eine eigene Waschmaschine dabei, die sogar einen Namen hat: „Walter“. Fast der ganze Tag geht bei dieser Plackerei drauf, es haben sich drei Maschinen voll angesammelt. Dafür kann „Walter“ am Abend gut schlafen!

Aber wenn man glaubt, man steht auf einem Camping am Arsch der Welt, so werden wir immer wieder eines Besseren belehrt. Hier scheinen nur „Frenschis“ (Franzosen) unterwegs zu sein. Nein, eines Abends parkt ein mördergroßes Hightech Concorde-Wohnmobil vor unserer Nase, nur dieses Mal aus Heilbronn. Ich komme mit Werner und Susanne ins Gespräch. Werner sagt so nebenbei zu mir, er verfolgt seit Jahren zwei Reisende auf ihrer Homepage und die hätten genau so ein Fahrzeug und sogar zwei Hunde dabei. Allerdings sei deren Fahrzeug weiß. Als er erfährt, dass wir das sind, fällt er aus allen Wolken. Auf dieses merkwürdige Zusammentreffen laden uns die beiden am Abend zum Glühwein ein, denn bei 22 Grad haben wir schon fast Eiszapfen an unseren Rüsseln. Ein Mancher wird denken, die haben doch nicht alle Datteln an der Palme, aber ich sag euch was, wenn du jeden Tag mehr als 30 Grad hast, dann frierste bei solch niedrigen Temperaturen.

Am nächsten Tag sind Marion und ich zu Fuß in Tan Tan Plage unterwegs, auf der Suche nach einem mobilen Internetstick. Vor einem Laden der Maroc Telecom steht ein Motorrad mit deutschem Kennzeichen und viel Gepäck drauf. Drinnen steht ein Mädel mit haufenweisen Kopien in der Hand. Ich erkenne sie nicht auf Anhieb und flüstere ihr von hinten ins Ohr, wofür man so viele Kopien braucht? Sie dreht sich um und, ne näh!!!!!! Es ist Janine, die allein auf dem Weg nach Togo ist. Wir kennen uns vom Motorradwintertreffen unseres Freundes Bruno und haben uns des Öfteren bei Minustemperaturen die Füße am Lagerfeuer gewärmt. Ist die Welt nicht klein?

Zuweilen ist uns das marokkanische Essen ziemlich eintönig. An Brot hast du die Wahl zwischen Fladenbrot und Baguette, Käse meist Schmierkäse, wenn du ganz viel Glück hast, mal 'nen richtigen Edamer. Wurst nennen sie hier Mortadella, rund und verpackt in verschiedenen Größen. Wir haben mal eine gekauft, boh eh, ist die ekelig. Wir haben sie sofort aus dem Auto geflackert. Selbst die Hunde, die hier nur Müll zu fressen kriegen, haben sie verschmäht. Aber der Edamer ist echt lecker, wenn du mal einen findest. Und ich bin nach langer Zeit mal fündig geworden. Ich denk, ich sehe nicht richtig als ich eines Tages auf Einkaufstour in El Ouatia (ehemals Tan Tan Plage) bin. Ein fetter, runder, in rotem Wachs eingepackter Edamer lacht mich im Kühlregal an. Der „Sabber“ läuft mir schon aus der Schnauze, und ich sag zu ihm, dir ist doch bestimmt zu kalt hier drin. Also steh ich mit 1,8 Kilo leckerstem Käse, für 18 Euro, an der Kasse. Der Kassierer fragt mich, wie viel er davon abschneiden soll? Na gar nix! Der guckt mich an, als wenn ich vom andern Stern komme. Normalerweise kauft hier kein Mensch so viel Käse, zumal noch so teuren. Als ich den Laden verlasse, schaut mir jeder auf den Käse, den ich in einer durchsichtigen Tüte trage, und natürlich komme ich auch nicht weit. Ein paar Läden weiter ruft eine Frau, die ich von unseren Einkäufen her schon kenne, ob ich ihr nicht ein Stück von diesem Käse abgeben wolle, sie möchte heute Pizza für die Familie machen, hätte aber keinen Käse. Ich lass mir ein Messer geben und schneide ein Stück ab. Im Austausch bekomme ich zwei selbstgemachte Pfannkuchen. Daraufhin meint sie, dass sei modernes Business.

Wie es nach Tan Tan Plage weitergeht könnt ihr im nächsten Bericht lesen.

 

Bis dahin. Die 2.