Marokko – Ende gut, alles gut.

 

Nun ist es endlich soweit. Wir haben uns Anfang 2003 einen MAN LX40 gekauft und wollen nun eine Reise unternehmen, um feststellen zu können, was wir für unsere geplante Weltreise alles an dem Fahrzeug ändern müssen. Ein geeignetes Land findet sich schnell – Marokko. Diese Reise unternehmen wir nicht alleine, sondern unsere Nachbarn Petra und Christoph sind mit von der Partie. Da der Urlaub in der Zeit begrenzt ist – schließlich stehen wir noch im Arbeitsleben – fahren wir zügig durch Frankreich und Spanien. Allerdings werden wir bei einem Stopp in Spanien gleich von der Polizei angesprochen. Sie sehen den Klappspaten in der Beifahrertür und bemängeln das. Es sei verboten und wir müssten ihn entfernen. Wie kleinlich viele Menschen doch sind, aber wenn es mehr nicht ist, dann nehmen wir ihn eben raus. Zumindest so lange wie wir hier unterwegs sind.

Wir erreichen Algeciras, von wo aus die Fähre nach Marokko geht. Hier sieht noch alles relativ geordnet aus und ehe wir uns versehen sind wir schon auf dem Wasser. Als wir Ceuta, eine spanische Enklave auf afrikanischem Boden, erreichen, wird es turbulent. Ich habe noch nie so einen chaotischen Ablauf gesehen. Zahlreiche Helfer drängen sich uns auf. Einer von ihnen lässt nicht locker und besorgt uns die Fiches, die wir für die Einreise ausfüllen müssen. Danach werden unsere Pässe eingestempelt. Zum Schluss will ein Zöllner unser Fahrzeug inspizieren und wir können weiterfahren.

Wir fahren am Rif-Gebirge entlang und als wir nach einiger Zeit Fès in der Dunkelheit erreichen, suchen wir uns zunächst einen freien Stellplatz irgendwo vor Fès. Wir bleiben nicht unbemerkt und lernen nette Marokkaner kennen, die sich mit uns unterhalten und uns erklären, dass wir sicher stehen würden. Am nächsten Morgen fahren wir in Fès auf den Camingplatz, wo wir ein wenig relaxen wollen. Von hier aus geht es weiter Richtung Errachidia und Erfoud, wo uns die ersten Dünenausläufer begegnen. Wir fahren durch Dörfer, in denen Maiskolben luftgetrocknet werden und passieren Nomadenzelte, die im Nirgendwo aufgebaut sind und wo wir eingeladen werden einen Tee zu trinken. Obwohl die Menschen in Armut leben sind sie herzlich und gastfreundlich. Wir genießen den Tee, den wir anschließend mit einem geringen Entgelt begleichen.

Vor Tinerhir suchen wir uns abermals einen Platz, wo wir wild übernachten können. Unsere Plane ist als Schutz vor der Sonne angebracht, da gesellt sich ein lustiger Marokkaner zu uns. Er sieht unseren Fotoapparat und findet Gefallen daran. Sogleich bietet er uns an, diesen zu kaufen. Wir verneinen, weil wir ja dann keine Fotos mehr von unserer Reise machen könnten. Das hält ihn nicht davon ab, sein Angebot aufrechtzuhalten. Wir können ihm den Fotoapparat ja zuschicken, wenn wir in Deutschland angekommen sind. Er hat so viel Vertrauen in uns, dass er sogar ein dickes Geldbündel aus seiner Jackentasche zieht und den Fotoapparat sofort bezahlen möchte. Wir verneinen weiterhin, denn was ist, wenn der Fotoapparat nicht ankommen würde? Der Mann würde doch denken, wir hätten ihn betrogen. Nein, wir sind nicht bereit so weit zu gehen. Trotz unserer Ablehnung bleibt der Mann freundlich und sieht sich erstaunt das Foto an, dass wir zur Erinnerung machen dürfen.

Am folgenden Tag fahren wir weiter zur Dadès-Schlucht, von der aus wir über die Berge fahren wollen, um über eine Piste an der Todhra-Schlucht wieder rauszufahren. Das gestaltet sich nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben. In den Bergen werden die Pisten oft zunehmend schmaler. An einem Teilstück kommen wir nicht mehr weiter, weil die Piste für unsere Fahrzeuggröße zu schmal ist. Walter und Christoph gehen noch einige Meter zu Fuß weiter und bestätigen das Ende dieser Strecke. Da es schon spät ist, beschließen wir in einem Flussbett neben der Piste zu übernachten. Eine Nomadenfamilie, die unweit von uns ihre Zelte aufgebaut hat, kommt zu uns und gibt uns zu verstehen, dass es gefährlich für uns werden könnte. Sollte es irgendwo in den Bergen in der Nacht regnen, dann würde das Wasser flutartig hier runterfließen und uns wegspülen. Trotz der Warnung bleiben wir, denn wir möchten über die schmale Bergpiste nicht in der Dunkelheit zurückfahren. Als kleines Trostpflaster brutzelt uns Christoph zur Abwechslung des Tages Bratkartoffeln.

Der nächste Morgen beginnt recht kühl. Regen hat es zum Glück nicht bei uns gegeben und wir stehen noch. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Rückweg und müssen feststellen, dass es doch Regen gegeben hat. Die Piste ist an manchen Stellen nass und sogar fortgespült. Mit Schaufeln machen sich die Männer ans Werk. Als das Geröll beiseite geschafft ist, können wir vorsichtig weiterfahren. Wir passieren die Schlucht ein zweites Mal und plötzlich sehen wir einen Bus auf uns zurasen. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, weil dieser seine Geschwindigkeit nicht verringert. Auf einer Brücke, die nicht gesichert ist, beginnt Walter leicht zu bremsen, als unser Reisegefährt auf dem schlammigen Untergrund zu rutschen beginnt. Mir stockt der Atem. Während der Busfahrer an uns vorbeirauscht, sehen uns Füßgänger mit aufgerissenen Mündern und Augen zu, wie unser Reisegefährt langsam an den Brückenrand rutscht. Ich greife den Haltebügel vor mir und murmel vor mich hin: Stopp, stopp, stopp. Mit dem rechten Vorderrad kommt unser MAN so knapp am Brückenrand zu stehen, dass Christoph, der direkt hinter uns fährt, uns mit seinem Toyota nur einen Schupps hätte geben müssen und wir die Brücke heruntergerutscht wären. Mein Herz sitzt vor Schreck jedenfalls nicht mehr am rechten Fleck und Busfahrer werden sich auch in meiner zukünftigen Erinnerung noch mehrfach negativ ins Gehirn einprägen. Nachdem Walter unseren MAN langsam von der Brückenkante wegfährt, können wir anschließend auf einen Campingplatz fahren, um uns von dem Schreck zu erholen.

Unser nächstes Ziel ist Tan Tan Plage, wo wir an der Küste einige Tage verbringen möchten. Doch schon auf dem Weg kündigt sich höchstwahrscheinlich ein Problem an. Unser Reisegefährt raucht in weißen Abgaswolken vor sich hin. Zur Sicherheit rufen wir unseren Lkw-Mechaniker unseres Vertrauens an, der uns einige Tipps gibt, die wir kontrollieren könnten. Mehr kann er nicht für uns tun. Doch das Problem wird größer, denn plötzlich überholen uns sämtliche Fahrzeuge, wo einige Tage zuvor unser MAN alle im Schatten hätte stehen lassen. Plötzlich gibt es einen lauten Knall und nichts geht mehr. Der MAN geht aus. Wir können uns noch an einen sicheren Platz rollen lassen und sehen die Misere. Ein Metallstück, so groß wie ein Gummiblock unseres Reifens, ist aus dem Gehäuse der Einspritzpumpe herausgesprengt. Na, toller Klops! Und was nun? Petra und Walter bleiben mit den Hunden beim Fahrzeug, während ich mit Christoph von Tan Tan Plage in den nächsten großen Ort fahre, um einen Abschleppwagen zu organisieren. Als ich den sehe, denke ich nur, dass Walter die Hände über den Kopf zusammenschlagen wird und mich fragt, was wir denn mit dem ausrichten wollen.

Nun fahren Christoph und ich gemeinsam mit dem Abschleppwagen zurück nach Tan Tan Plage. Unser Fahrzeug wird an den Haken genommen und ab geht die Post bis nach Agadir, wo es eine MAN-Werkstatt gibt. Dort angekommen, will man uns nicht auf dem Platz parken lassen und verweist uns stattdessen auf den gegenüberliegenden Parkplatz einer Tankstelle. Nach Rücksprache können wir dort bleiben. Für Christoph und Petra geht die Fahrt nun alleine weiter, denn warum sollten sie ihren Urlaub mit uns auf dem Parkplatz verbringen. Aber jetzt geht die Sucherei für uns los. Wo bekommen wir so schnell eine Einspritzpumpe her? Wir rufen einen weiteren Bekannten in Deutschland an, der viel mit Lkw zu tun hat. Er wird tatsächlich fündig und schickt die Einspritzpumpe los. In der Zwischenzeit warten wir auf dem Parkplatz, der nicht der schlechteste ist. Wir haben unweit von uns einen Metro-Supermarkt, wo wir uns mit den nötigen Nahrungsmitteln versorgen können. Wasser bekommen wir an der Tankstelle.

Da fällt mir noch eine tolle Sache zu ein. Während wir morgens in unserer Wohnkabine sitzen, sehe ich einen Marokkaner, der sich merkwürdig in der Gegend umsieht, als ob ihn einer beobachten könnte. Schnurrstracks geht er auf unsere Treppe zu, was ich Walter sofort mittteile: „Wetten, der geht die Treppe rauf und versucht die Tür zu öffnen?“ Und tatsächlich! Wie ich es gesagt habe, steigt er die Stufen rauf und will gerade die Tür öffnen, als Walter ihm zuvorkommt. Als wäre nichts Schlimmes passiert, geht er seelenruhig seines Weges, ohne sich noch einmal nach uns umzudrehen. Das war aber auch die einzige merkwürdige Situation hier auf dem Platz.

Unsere Pumpe ist derweil eingetroffen, aber sie müsse noch am Zoll ausgelöst werden. Was jetzt vor sich geht, können wir nicht genau sagen. Fakt ist, dass die Pumpe in einer Nacht- und Nebelaktion ohne eine Zollkontrolle – was uns im Endeffekt egal ist – am nächsten Tag in der MAN-Werkstatt liegt und eingebaut werden kann. Zum krönenden Abschluss wird noch in der Werkstatt ein Erinnerungsfoto gemacht und wir können unsere Weiterfahrt antreten. Weil die Zeit vorangeschritten ist, und unser Urlaub sich dem Ende neigt, fahren wir im Schweinsgalopp durch Spanien und Frankreich. Als wir in Deutschland eintreffen, erhalten wir lange Zeit später einen Brief, dass wir unsere neue Einspritzpumpe am Zoll abholen müssen, obwohl die schon längst eingebaut ist und wir mit dem Fahrzeug wieder in Deutschland sind. Noch irgendwelche Fragen?

 

Es grüßen euch Whisky, Eros, Walter und Marion von einer Reise mit Hindernissen.