Algerien – Ein Urlaub mit Hindernissen.

 

Reisezeit: September/Oktober 2002

 

Ich möchte vorab anbringen, dass ich die Pisten, die wir gefahren sind, nicht mehr exakt angeben kann. Die Reise liegt schon sehr lange zurück. Die Bilder sind von Dias eingescannt worden und nicht in der Qualität wie wir sie uns erwünscht hätten. Aber es geht ja lediglich um die Erinnerung.

 

„Du musst unbedingt mit mir in die Wüste fahren. Ich weiß, dass dir das gefallen wird“, sagte Walter einst zu mir. Im September 2002 brechen wir auf nach Algerien. Dies ist nun mein zweite Reise nach Afrika und dann noch nach Algerien. Man hört ja so viel davon: Es ist schön; es ist nicht ungefährlich. Da schwirren einem schon einige Gedanken durch den Kopf.

In Genua nehmen wir die Fähre Carthage, die uns nach Tunesien bringt. Wir landen mit ihr in La Goulette, einem Stadtteil von Tunis. Hier treffen wir Ben, einen waschechten Tunesier, der allgemein in der nordafrikanischen Reiseszene bekannt ist. Bei ihm verbringen wir eine Nacht und er teilt uns mit, dass wenn irgendetwas passieren sollte, dann könnten wir ihn anrufen. Er habe viele Verbindungen in den Nachbarländern. Naja, was soll uns denn passieren?

Die Fahrt durch Tunesien geht relativ schnell, denn es ist nur ein Verbindungsland nach Algerien, dem wir unsere Hautpreisezeit widmen wollen. Also fahren wir über Sousse, Sfax, Gafsa und dann nach Tozeur. Zwischen Naftah und Hazoua verbringen wir unsere erste Nacht in einem riesigen Dattelhain. Hier sieht uns niemand, denke ich. Doch ich habe weit gefehlt. Irgendjemand hört oder sieht dich immer. So sind wir schnell im Gespräch bei den Arbeitern, die im Hain die Datteln pflücken, zumal ich auch Französisch spreche. Wir erklären ihnen, dass wir gerne hier übernachten möchten, was in keinster Weise ein Problem darstellt. Wir bekommen frische Datteln geliefert und können an dem Brunnen Wasser schöpfen, um unsere Kleidung zu waschen und um uns eine kleine Dusche zu gönnen. In der Nacht liegen wir in unserem Zelt und hören nicht weit entfernt von uns Musik. Wenig später taucht eine dunkle Gestalt vor dem Zelt auf und mir wird angst und bange. Im Mondlicht wirkt die Person riesig, während ich mir auf dem Boden liegend so winzig vorkomme. Nach Anweisung von Walter sage ich: „Oih, was ist denn?“, woraufhin ich sofort Antwort bekomme. Man will uns einladen am Lagerfeuer zu sitzen. Wir wehren ab, denn wir sind von der langen Fahrt müde. Später wird die Musik immer besser und im Nachhinein denke ich: Man sind wird blöd!

Unsere Nacht ist ausgesprochen ruhig verlaufen. Wir fahren zeitig los, damit wir die Grenzformalitäten schnell erledigt bekommen. Es ist nicht viel los, als wir ankommen. Ein Grenzbeamter ist uns bei den Formalitäten behilflich. Das fällt mir schon positiv auf. Nachdem alles geklärt ist, fragt er mich, ob es meine erste Reise nach Algerien sei? Als ich es bejahe, heißt er uns herzlich willkommen und wünscht  uns einen schönen Aufenthalt in seinem Land. Zur Erinnerung wird das obligatorische Foto an dem Willkommensschild gemacht.

Die ersten kleinen Dünen, die ich sehe, bereiten mir sofort eine Gänsehaut auf den Armen. Ich liebe die Sanddünen, ich liebe den Sand und ich liebe die Wüste schon jetzt. Natürlich ist es nicht immer so einfach. Man fährt ja auch mal Sandpisten. Da bleibt es nicht aus, dass wir uns mal festfahren. Wir haben an unserem HU-Fernreisegespann keinen Allrad, der zuschaltbar ist, und wir haben keinen Seitenwagenantrieb. Nun darf ich das erste Mal in der Hitze schaufeln. Danach lassen wir die Luft aus den Reifen, damit wir mehr Auflagefläche im Sand bekommen und schon geht es weiter.

Irgendwann auf einer Asphaltstraße stoppt uns ein Algerier. Sein Benzin sei ausgegangen, ob wir ihm nicht etwas geben könnten? Na klar, aber ansaugen muss er selber. Ganz selbstverständlich saugt er das Benzin an und als es seinen Mund erreicht, steckt er den Schlauch ganz schnell in eine leere Wasserflasche. Er will uns anschließend Geld dafür geben, doch wir wehren ab. Man hilft sich in der Wüste. Das ist wohl ein Ehrenkodex.

Immer wieder muss Walter für Fotostopps anhalten. Sanddünen und Gebirge wechseln sich ab. Wie schön kann doch die Wüste sein. Bei unseren Stopps wird es allerdings schwieriger Schattenplätze zu finden. Der einzige Schatten, den wir manchmal bekommen, ist direkt neben unserem Gespann und das ist nicht gerade viel.

Da Walter schon bereits das zweite Mal in Algerien ist, will er die Piste nach In Ekker fahren. Und so biegen wir ab und es geht querfeldein über mal gute und mal schlechtere Streckenabschnitte. Unterwegs treffen wir auf ein österreichisches Paar, das mit zwei Motorrädern unterwegs ist. Ihre Motorräder haben nur kleine Tanks und bereits auf dieser Piste hatten sie die ersten Probleme. Es gibt eine Militärstation, die bekannt ist, aber die geben normalerweise keinen Treibstoff an Zivilisten aus. Da die beiden einen Notfall hatten, waren sie mal gnädig. Nun stehen sie neben uns und benötigen frisches Wasser, denn auch das ist ihnen knapp geworden. Die Militärstation habe ihnen eine Quelle genannt und so fahren wir gemeinsam dorthin. Als wir eintreffen, erzählen die beiden von ihren Plänen. Beide haben null Ahnung von Wüstenfahrten. In Tunesien haben sie eine organisierte Tour unternommen, wo sie kein Gepäck auf ihren Motorrädern hatten. Sie fühlten sich fit für die Wüste, hatten keine Ahnung über die Versorgung, zu wenig Spritvorräte und zu wenig Wasser. Das hätte ihnen das Leben kosten können. Ein weiterer Faktor ist, dass die junge Motorradfahrerin sich ständig auf die Nase legt.

Auf unserer Alubox sind viele Aufkleber angebracht, wo wir schon überall waren. Als die beiden das sehen, fragen sie uns, ob sie mit uns fahren könnten. Da wir das gleiche Ziel haben – Tamanrasset – nehmen wir sie mit. Wir betonen aber, dass wir nicht langsam unterwegs seien. Kein Problem, ist ihre Antwort. Schon wenige Kilometer weiter verlieren wir sie aus unserem Blickfeld. Wir warten und als sie eintreffen, stellt sich heraus, dass sie in dem weichen Sand schon wieder mit dem Motorrad gestürzt ist. Es sei aber alles in Ordnung und wir könnten weiterfahren. Das Spiel wiederholt sich und irgendwann suchen wir einen Platz für die Nacht. Wir stellen uns so auf, dass sie uns sehen müssen, wenn sie an uns vorbeikommen; aber sie kommen nicht mehr. Wir machen uns schon Sorgen, aber zurück können wir nicht. Unsere Benzinreserven sind begrenzt wie bei jedem Reisenden und wir würden uns nur selbst in Gefahr bringen, wenn wir umkehren würden, um sie zu suchen.

Am nächsten Morgen ist weit und breit keiner zu sehen. Wir fahren weiter. Als wir das Schild In Ekker erreichen, machen wir einen kurzen Fotostopp. Über den Trans-Sahara-Highway geht es bis nach Tamanrasset weiter. Hier gehen wir auf einen Campingplatz, um mal wieder richtig duschen und relaxen zu können. Und wer kommt da plötzlich auf den Platz gerollt? Die Österreicher mit ihren Motorrädern. Wir fragen sofort, was passiert sei? Die Motorradfahrerin habe sich immer und immer wieder auf die Nase gelegt, weshalb sie sich zu einer Umkehr entschlossen haben und nun über die Asphaltstraße gefahren wären. Da hätten wir noch lange warten können, geschweige denn fahren, um sie auf den vielen Pistenzweigen wiederzufinden. Wir erzählen ihnen von unseren Ängsten um sie, woraufhin sie sich entschuldigen. Dennoch lachend, zeigt sie uns ihre gestauchte Hand und ihre Aufschürfungen (zurück in Deutschland bekommen wir eine Mail, dass ein Mittelhandknochen gebrochen sei, den man aber nicht mehr richten könne). Die beiden setzen ihre Fahrt übrigens nicht mehr fort, sondern fahren zurück nach Österreich.

Frisch und gestärkt nehmen wir nach wenigen Tagen allein die Fahrt zum Assekrem auf. Die folgende Piste ist nicht einfach und sehr steinig. Wer denkt, dass eine Wüste nur aus Sand besteht, der liegt da völlig falsch. Um die 80 Kilometer legen wir bis zum Assekrem zurück. Ein Schild weist uns daraufhin, dass wir nur noch 6 Kilometer vor uns haben. Dort gelangen wir auf die Refugiumstation, wo auch einst Charles de Foucauld als christlicher Einsiedler gelebt hat und am 1. Dezember 1916 in der Einöde der algerischen Sahara verstorben ist. Dies ist ein Anziehungspunkt für jeden Algerien-Touristen und er lohnt sich. Der Assekrem ist ein Berg, der zum Hoggar-Gebirge gehört. Hier stellen wir unser Zelt auf und genießen die Gastfreundlichkeit der wenigen Algerier, die hier leben. Wir trinken Tee mit ihnen und erzählen über uns. Abends und morgens geht man eine Anhöhe hinauf und genießt einen wunderbaren Ausblick auf die umliegenden Gipfel des Hoggar-Gebirges. Traumhaft! Es ist eine gewaltige Landschaft, die uns in ihren Bann zieht. Abends wird es allerdings lausig kalt und wir fragen uns, wie die Menschen hier im Winter überleben können. In den Häusern zieht es durch alle Ritzen und nur ein paar Decken schirmen die Türen vor der Kälte ab.

Wenige Tage später fahren wir weiter. Und wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, dann wird es schlimmer. Die sehr steinige Piste ist von starken Regenfällen ausgewaschen und erschwert die Fahrt mit unserem Gespann ein wenig. Da unser GPS nur die direkte Richtung zu unserem Ziel anzeigt, verfahren wir uns einmal und wir müssen umdrehen. Dabei fahren wir durch ein trockenes Flussbett, an dessen Rand Grasbüschel wachsen, die sich unter dem Gespann verheddern und uns an der Weiterfahrt hindern. Trotz der Hitze müssen wir schaufeln, damit wir endlich weiterfahren können. Den vor uns liegenden Berg umfahren wir und gelangen wieder auf den richtigen Weg.

Von nun an geht es über eine Piste nach Djanet. Viele Kilometer ohne Versorgung liegen vor uns. Ich finde inzwischen sehr viel Spaß daran, mit dem Gespann über die Pisten zu hämmern. Ihr müsst euch vorstellen, ich sitze auf dem Seitenwagen. Der Komfort meiner Alusitzkiste lässt zu wünschen übrig, aber was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. Heißt es nicht so?

Walter sucht sich inzwischen unter den vielen Spuren, die auf einer sandigen Piste zu sehen sind, immer die für ihn passende aus. Dabei muss ich eigentlich seine Gedanken lesen können, denn ansonsten würde ich einen Abflieger machen. Bei Pistenfahrten kann ich wegen der schlechten Fahrbahnbeschaffenheit nicht oft sitzen und muss mich an dem Bügel vor mir festhalten. Richtig festhalten! Dabei versuche ich das Gewicht zu verlagern, um Walter das Manövrieren einfacher zu machen. Aber eine falsche Entscheidung meinerseits schleudert mich beinahe vom Seitenwagen. Mit letzter Kraft kann ich mich festhalten. Als wir stoppen, müssen wir beide lachen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie viel Spaß es macht, als Schmiermaxe auf einem Gespann mitzufahren.

Irgendwann verändern sich Walter’s Gesichtszüge und ich frage ihn, was denn los sei? „Irgendetwas stimmt mit dem Fahrverhalten nicht mehr. Ich kann kaum noch lenken“, ist seine Antwort. Wir fahren weiter, aber es wird wohl immer schlimmer. Wir steigen ab und Walter checkt das Gespann. Dabei entdeckt er, dass ein Gabelrohr angerissen ist. Das sind keine guten Aussichten! So können wir nicht weiterfahren! Walter holt einen Ratschengurt heraus und versucht das Gabelrohr wieder etwas zu richten. Ein erneuter Fahrversuch schlägt fehl. Keine Chance weiterzufahren. Zu allem Übel ist die andere Seite auch angerissen. Und nun? „Das ist eine vielbefahrene Piste. Hier kommen jeden Tag mehrere Touristen her. Kein Problem. Wir warten einfach ab“, antwortet Walter. Er muss es ja wissen, immerhin war er schon vor einem Jahr hier. Also setzen wir uns in den wenigen Schatten, den unser HU-Fernreisegespann bietet und warten ab. Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden und schon dämmert es. Kein Fahrzeug ist an uns vorbeigekommen. Wir bauen das Zelt auf und legen uns schlafen.

Morgens fällt uns ein, dass wir ja ein Satellitentelefon haben und wir Hilfe rufen können. Also ruft Walter die HUK an, die auch für Algerien als Anrainerstaat des Mittelmeers zuständig ist. Die HUK-Dame ist völlig perplex und fragt nur: „Wo sind sie? Algerien? Da haben wir ja keine Vertragspartner. Sie müssen sich selbst kümmern, aber wir übernehmen die Kosten.“ Toller Klops. Wie soll das denn gehen? Da fällt uns gerade Ben ein. Also rufen wir ihn an. Ben ist zuversichtlich und sagt: „Keine Sorge. Ich kümmere mich. Ihr seid da bald raus.“ Und schon hat er aufgelegt. Wir wissen nicht, wer kommt. Wir wissen nicht, wann einer kommt. Wir wissen eigentlich nur, dass mal irgendwann einer kommen soll. In diesem Moment klingelt unser Satellitentelefon und da der Mann Französisch spricht, überreicht mir Walter das Telefon. Es handelt sich um einen ranghohen Offizier, der von seiner Kommandozentrale aus alles dirigiert. „Seien sie couragiert Madam. Hilfe wird kommen. Haben sie genug Wasser zum Trinken?“ Ich antworte, dass unser Wasservorrat auf 20 Liter begrenzt ist, aber wenn der Himmel weiterhin teilweise bewölkt bliebe, dann könnten wir drei Tage, vielleicht sogar vier Tage in der Einsamkeit ausharren. Walter jedoch scheint es mit dem „abgeholt werden“ eilig zu haben, denn wir packen das Zelt sicherheitshalber schon mal ein. Die Zeit verfliegt und ehe wir uns versehen bricht der Abend an. Also, wieder Zelt aufbauen und alles was dazu gehört. Noch einmal werde ich das Zelt nicht abbauen, erst, wenn wirklich Hilfe da ist.

Der nächste Morgen bricht an. Unsere Morgentoilette fällt nur noch spärlich aus. Einen Becher Wasser gibt es für jeden. Der muss fürs Zähneputzen und für die Gesichtswäsche ausreichen. Wasser ist jetzt mehr denn je kostbar für uns. Das Telefon klingelt wieder. Ich gehe ran und der nette und mir Mut zusprechende Offizier ist wieder dran. Ich solle ihm die Koordinaten durchgeben, wo wir stehen würden, dann würden sie uns heute finden, und ob wir ihnen nicht irgendwie ein Zeichen geben könnten. Zum Beispiel ein Feuer machen. Ich gebe ihm die Koordinaten durch und lege auf. Zeichen setzen? Wie denn? Na, es gibt doch immer so viele Reifen, die in der Wüste herumliegen, wenn sie geplatzt sind. Also suchen wir welche und zünden sie dann einfach an. Wir gehen nur wenige Meter über einen Sandhügel und schon sehen wir uns nicht mehr. Der Wind ist heftig und würde unsere Spuren binnen weniger Minuten verwischen. Wir würden uns verlaufen und uns mehr gefährden, als wir schon gefährdet sind. Nicht einen Reifen sehen wir irgendwo. Wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Ich glaube, das muss so sein.

Schweren Herzens entscheiden wir uns dafür einen Kochtopf zu opfern, den mit Lappen und Benzin zu füllen und anzustecken. Unser Leben ist ja wichtiger als so ein blöder Topf. Also gesagt, getan. Das Feuer brennt, aber der gewünschte Effekt bleibt aus. Der Wind ist so stark, dass er die schwarze Rußwolke über den Boden hinweg schweben lässt. Na super! Doch der Humor geht uns trotz der schwierigen Situation nicht verloren. Walter geht auf einen Hügel, zieht seine Hose herunter und hält seinen schneeweißen Hintern in die Gegend. Wir müssen beide lachen, aber nützen tut es auch nichts. Der zweite Tag in der Einsamkeit vergeht. Kein Fahrzeug war in Sichtweite.

Der dritte Tag bricht an. Das Telefon klingelt. Der Offizier ist dran und meint, dass die Koordinaten nicht stimmen könnten, denn man habe die Stelle angefahren, aber uns nicht angetroffen. Ich soll sie ihm nochmals durchgeben. Tatsächlich hat uns der Wind ein Schnippchen geschlagen. Man hat anstatt „Six“ die Zahl „Dix“ verstanden und da liegt in der Koordinatenwelt eine gewaltige Distanz zwischen. „Nun Madam, bleiben sie weiterhin couragiert. Wir finden sie. Können sie mir noch die Umgebung beschreiben?“, fragt er  mich. Da denkste im ersten Moment, du bist im falschen Film. Wie will man denn eine Wüste beschreiben? Als ich mich umsehe, bin ich perplex. Und wie man eine Wüste beschreiben kann! Eine Richtungsangabe mache ich vor Aufregung nicht. Ich beschreibe ihm eine hinter mir liegende Ebene. Schaue ich nach vorne, dann habe ich auf der rechten Seite eine Gebirgskette und links auch. Aber die linke liegt weiter entfernt und ist nicht so hoch wie die rechte. Zum x-ten Mal bekomme ich die Anweisung sehr mutig zu bleiben. Wenn man uns heute nicht mehr findet, dann würde am vierten Tag ein Helikopter zur Suche eingesetzt und der würde uns schon finden. Alles klar.

Am Nachmittag klingelt das Telefon wieder. „Madam, in einer halbe Stunde sind wir bei ihnen“, sagt der Offizier. Woher will der das denn wissen? Aber wir warten ab; geht ja nicht anders. Und was glaubt ihr, was jetzt kommt? Da kommt doch tatsächlich ein hellblauer Toyota-Pickup angefahren. Drinnen sitzen zwei junge Männer aus der Schweiz. Die beiden würden uns die gebrochenen Gabelrohre hier an Ort und Stelle schweißen. Sie würden zwei Batterien zusammenschließen, damit sie kurzfristig eine hohe Schweißkapazität hätten. Das wäre ja super.

Just in dem Moment kommen plötzlich vier Toyotas angefahren. Aus den Fahrzeugen springen 20 Männer, zwei Tuareg und ein Militär, der Generalstabskarten in den Händen hält. Unsere Rettung ist eingetroffen. Kann es so viele Zufälle wirklich geben? Und als wäre das nicht genug, kommt noch eine große Touristengruppe angefahren. Ich glaube es nicht. Drei Tage harren wir aus, ohne dass man eine Person zu Gesicht bekommt, und jetzt erscheint eine ganze Armada. Sofort falle ich zweien der Armeemänner in die Arme. In moslemischen Ländern ist das eher nicht üblich, aber es überkommt mich einfach so. Meine Mutter meinte später zu der Geschichte: „Die haben aber bestimmt gestunken.“ Nein, Mama, die Einzigen, die gestunken haben, waren wir. Wie kommt sie nur darauf, dass die Männer gestunken haben müssen?

Natürlich lässt sich unsere Rettungstruppe nicht mehr in die Suppe spucken. Wirklich unverzüglich müssen die Schweizer und die Touristengruppe das Feld räumen. Letztere machen noch von uns Fotos, als wären wir irgendwelche Prominenten. Obwohl ich dem Offizier am Telefon erklärt habe, dass es sich nicht um ein normales Motorrad handelt, sondern um ein Gespann, das ähnlich breit ist wie ein Pkw, kommt das Militär nur mit Pkw angefahren. So können sie das Gespann aber nicht transportieren. Wir sollen schon mal einsteigen, teilt man uns mit. Es würde jemand abgestellt, der auf das Motorrad achten würde, bis ein Lkw kommt, der es aufladen könne. Da haben die Herren aber nicht die Rechnung mit Walter gemacht, denn der würde eher seine Frau stehen lassen als das Motorrad. Alles klar? Also muss ich übersetzen, dass wir entweder mit dem Motorrad fahren oder gar nicht. Also warten wir alle. Gegend Abend trifft ein Lkw ein. Zwei Männer sitzen dick vermummt hinter einer fehlenden Windschutzscheibe. Und was tut man, wenn man keine Auffahrrampe hat? Man nehme zwanzig Soldaten, die alle anpacken und das schwer beladene Gespann auf den Lkw hieven. Es wird verzurrt so gut es geht und ab geht die Post. Das Zelt haben wir natürlich in der Zwischenzeit auch eingepackt.

Es muss in der Sahara geregnet haben, denn auf unserer Strecke steht viel Land unter Wasser.

Es ist bereits dunkel, als wir einen kleinen Militärstützpunkt erreichen. Wir sitzen in einer großen Runde um einen Tisch. Es sieht chaotisch aus, aber was macht es schon? Wir sind in Sicherheit. Es wird eine große Schale auf den Tisch gestellt, auf der uns ein leckeres Essen serviert wird. Vier Löffel liegen parat. Die keinen ergattern können, müssen wie üblich mit der rechten Hand essen. Auf dem Tisch stehen zusätzlich vier Gläser mit Wasser gefüllt. Von Sauberkeit fehlt hier jede Spur. Als Walter mein zerknirschtes und unentschlossenes Gesicht sieht, meint er nur: „ Sieh nicht hin. Trink oder verdurste.“ Ich rede mir ein, dass alles o.k. ist und trinke. Ich habe auch hiernach keine Probleme mit dem Magen oder Darm bekommen; auch keinen Herpes. Ich habe überlebt.

Als wäre dem nicht genug, müssen noch zwei rangniedrige Soldaten ihr Quartier räumen und uns ihre Betten zur Verfügung stellen. Die beiden müssen draußen im Pkw schlafen. Würdet ihr die Quartiere sehen, dann würdet ihr lieber in dem Pkw schlafen. Ich würde es gerne, habe aber keine Chance. Zwei Feldbetten sind aufgestellt. Sie sehen dreckig aus und ich beschließe mich nicht auszuziehen. Ich lege meine Jacke auf das Kopfkissen und lege mich hin. Unter der Decke sind Tücher befestigt, die so dicht sind, dass sie das darin befindliche Regenwasser, das durch die undichte Decke eindringt, nur tröpfchenweise durchlassen. Das tropft genau auf das Fußende des Bettes. In den Ecken des Raumes entdecke ich zudem riesige Spinnen und bei meiner Angst vor ihnen muss ich mich gewaltig zusammenreißen. Schließlich schlafen wir vor Erschöpfung ein.

Walter wird in der Nacht allerdings wach. Darmbeschwerden machen ihm zu schaffen. Ganz schnell rennt er raus, um sich Toilettenpapier und unseren Klappspaten vom Gespann zu besorgen. Doch das ist auf dem Lkw. Er klettert rauf und prompt steht ein Soldat mit einem geladenen Gewehr neben ihm. Die Hose schon in den Kniekehlen, versucht er dem Mann zu erklären, dass er ein dringendes Bedürfnis habe und wenn er ihn nicht schnell gehen ließe, dann hätte Walter gleich seine Hosen gestrichen voll.

Die Nacht ist schnell rum, war unruhig und ungewohnt. Wie jeden Morgen habe ich auch ein Bedürfnis und Frage freundlich nach einer Toilette. „Sorry Madam, aber eine Toilette gibt es hier nicht“, ist die einzige Antwort, die ich erhalte. Na herzlichen Glückwunsch, da hab ich doch ‚nen Sechser im Lotto erwischt. Ich kann aber nicht mehr. Meine Blase im zum Platzen voll. Ich nehme Walter ins Schlepptau, der mir als Schutzschild dienen muss, und marschiere mit ihm hinter ein kleines Häuschen. Und nun stell dir vor, da stehen tatsächlich in jeder Ecke der Militärstation hohe Wachtürme, die die Umgebung sichern. Ich kann nicht umhin und pinkle mir beinahe in die Hose. Walter ist das Grinsen ins Gesicht geschrieben. Ich ziehe also meine Hose runter und pinkel. Wahrscheinlich erfreut sich irgendein Soldat an dem Anblick meines Hinterns. Aber man wächst über seine Grenzen hinaus, wenn es die Not verlangt.

Die Fahrt geht weiter. Während wir mit den Pkw eine andere Route einschlagen, fährt der Lkw eine vermeintlich für ihn einfachere Strecke. In einem winzigen Ort, wo unsere Pässe kontrolliert werden, erfahren wir, dass der Lkw sich gnadenlos bis an die Ladefläche eingegraben habe. Wir bieten unsere Hilfe an, aber die wird abgelehnt. Es gibt genug Soldaten, die das regeln können. Während unserer Wartezeit lernen wir Stefan kennen, der mit seinem Motorrad von Nord- nach Südafrika fahren will. Wie wir erfahren, transportiert er sein Motorrad aber wegen Unerfahrenheit mehr auf einem Lkw fort, als dass er selbst fährt. Aber nett ist er, der Stefan. Wir verabreden uns auf einem Campingplatz in Djanet.

Als wir den Ort erreichen, bringt man uns direkt auf den Campingplatz und das Gespann zu einem Schweißer. Die Männer sind pfiffig, denn sie müssen sich in der Einöde, ohne jeglichen Zubehörladen, zu helfen wissen. Das Gespann wird so aufgebockt, dass die Gabelrohre wieder aneinanderpassen. Nachdem alles fixiert ist, wird geschweißt.

Währenddessen möchten wir uns revanchieren. Wir kaufen den Soldaten Coca Cola und Zigaretten. Die ranghöheren Herren möchten wir zum Essen einladen, aber stattdessen laden sie uns ein. Als wir uns unterhalten, stelle ich die Frage nach den Kosten. Nicht einen Euro müssen wir oder die HUK bezahlen. Das ist Service am Touristen, denn es würde ja keiner mehr ins Land kommen, wenn man die Touristen nach einer Panne oder einem Unfall in der Wüste verrecken lassen würde. Angeblich würde jede Woche ein Reisender geborgen. Ob mit einer Panne, einem Unfall oder man sich sogar verlaufen hat, spielt dabei keine Rolle. Wir bedanken uns für die Freundlichkeit bei dem Offizier, mit dem ich die ganze Zeit in telefonischer Verbindung stand und bei denen, die uns letztendlich aus der Hölle der Wüste gerettet haben. Angst habe ich in den drei Tagen nie empfunden. Ich hatte durch die ruhige Stimme des Offiziers vollstes Vertrauen in ihre Aktion. Walter ist eh der Coolere und hat kein Problem mit solchen Situationen.

Noch auf dem Camping hören wir von einem anderen Reisenden, dass sein Motorrad-Kumpel einen bösen Unfall in der Wüste hatte und dass die Männer, die uns gesucht haben, bei ihnen angehalten hätten. Nachdem der Freund die Männer angefleht habe, seinen Kumpel zu retten, hätte man gemeint, er liege ja gut und sie hätten schließlich obere Priorität uns zwei aus der Wüste zu retten. Der Kumpel hat schwere Verletzungen davongetragen und wurde nach der Erstversorgung direkt nach Frankreich ausgeflogen. So spielt das Leben manchmal.

Nachdem unser Gespann geschweißt ist, können wir uns auch wieder auf den Weg machen. Das machen wir gemeinsam mit Stefan. Ursprünglich wollten wir nach Djanet die Gräberpiste fahren, aber aufgrund der geschweißten Gabelrohre wollen wir kein weiteres Risiko eingehen. Es reicht ja, wenn wir das algerische Militär einmal benötigt haben.

Wir fahren weiter nordwärts und haben eine grandiose Landschaft um uns herum. Zerklüftete Berge und Sanddünen begleiten uns. In den Senken, die durch die Flussbette führen, sammelt sich das Wasser aus den Bergen. Schlamm wird mit angespült und bildet kleine Sandbänke. Stefan fühlt sich unwohl durch den Modder zu fahren und bittet Walter allen Ernstes, ob er das Motorrad dort durchmanövrieren könnte. Wo wollte Stefan nochmal hinfahren? Ich kann nicht glauben, dass er bis Südafrika fahren will.

Wir haben einen Pass zu überqueren, der in mehreren engen Kurven den Berg hinaufführt. Sattelzüge kriechen wie die Schnecken den Pass hinauf. Oben angekommen, genießen wir einen grandiosen Ausblick auf die hinter uns liegende Ebene.

Die nun folgende und bröckelige Asphaltstraße führt an Sanddünen entlang. Plötzlich vernehmen wir Rasselgeräusche am Getriebe und mit einem Mal verabschiedet sich ein Kardankreuzgelenk. Zuerst muss das Gespann passend aufgebockt werden, damit Walter das Hinterrad ausbauen kann. Während die Sattelzüge knapp an uns vorbeirauschen und den Dreck von der Straße aufwirbeln, tauscht Walter das Kreuzgelenk aus und ich bedecke jedes Mal die ausgebauten Teile, damit kein Sand in sie eindringt. Stefan wäre wohl bei Problemen mit seinem Motorrad völlig aufgeschmissen. Er steht jedenfalls daneben und sieht sich alles genau an. Zur Erinnerung platzieren wir das alte Gelenk am Straßenrand. ‚Hier waren wir‘, soll es signalisieren.

Stefan ist, wie wir erfahren, wirklich unerfahren, zumindest was das Sandfahren angeht. Nachdem wir uns einen Stellplatz abseits der Piste suchen, rödelt er sein Motorrad ab und fährt im Sand erst einmal einige Kreise, dann Achten und dann wird er mutiger und sicherer. Plötzlich verschwindet Stefan mitsamt seinem Motorrad hinter einem kleinen Dünenkamm und kommt nicht wieder raus. Wir rennen zu ihm hin und müssen alle drei lachen. Da liegt er nun in der Senke wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Zum Glück ist nichts passiert. Da Stefan sich so darüber freut, dass er im Sand gefahren ist, spendiert er abends einen guten Whisky aus seinem Flachmann.

In der Nacht wird es richtig ungemütlich. Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Erst der komplette Gabelbruch, dann das Kreuzgelenk und nun zieht ein gewaltiger Sandsturm  auf und reißt uns beinahe das Zelt weg. Während ich mich mit aller Kraft im Inneren gegen die Zeltplane drücke, geht Walter raus und schüttet das Außenzelt am unteren Rand komplett mit Sand zu. So kann der Wind nicht mehr darunter greifen. Zusätzlich fährt er das Gespann schützend vor das Zelt und vertäut es am Rahmen. Im Zeltinneren bekommen wir kaum mehr Luft, so stickig wird es. Der Sand schiebt sich durch die Zwangsbelüftung und es fühlt sich an, als bekämen wir ein Gratis-Peeling. Aus Furcht, es könnte doch noch alles wegfliegen, ziehe ich meine Motorradsachen an, um im Falle eines Falles nicht nackig dazustehen. Meine Angst geht soweit, dass ich laut zu rufen beginne: „ Ich weiß wie stark du bist. Hör endlich auf. Es reicht mir.“ Natürlich weiß ich, dass das nichts nutzt, aber ich fühle mich besser.

Am nächsten Morgen sieht es verheerend aus. Stefans Zelt hat in der Mitte eine Grätsche gemacht. Alles ist zugesandet. Zum Glück ist nichts weiter fortgeflogen.

Wir quartieren uns nochmals irgendwo auf einem Campingplatz ein. Als wir am nächsten Tag weiterfahren wollen, meint der Besitzer, dass es unmöglich sei, denn es habe so stark geregnet, dass das Oued nicht mehr befahrbar sei. Das wollen wir uns ansehen. Die Sahara unter Wasser. Tatsächlich fließt sehr viel Wasser durch das Flussbett. Viele Fahrzeuge trauen sich nicht es zu durchfahren. Wir wagen es. Wer hätte das gedacht, dass binnen weniger Tage so eine Menge Wasser auf die Sahara niederprasselt.

Von nun an geht es weiter nordwärts, denn unser Urlaub neigt sich dem Ende und wir haben noch einen langen Weg nach Hause. An der Grenze Algerien/Tunesien treffen wir auf den gleichen Zollbeamten wie auf dem Hinweg. Freundlich lächelnd kommt er uns entgegen und fragt mich, wie mir der Urlaub in Algerien gefallen habe. Ich antworte ihm, dass es mir sehr gefallen habe, wäre da nicht die Panne gewesen. Man habe uns in der Wüste suchen müssen. Jetzt lacht er und meint nur: „Ach, ihr seit das gewesen. Über euch wurde im TV und im Radio berichtet. Zwei Touristen werden in der Wüste Algeriens gesucht“. Er wünscht uns noch alles Gute und lässt uns passieren.

Ein letztes Mal gehen wir vor Tunis auf einen Campingplatz, wo wir die Schweizer mit dem hellblauen Toyota wiedertreffen. Nochmals erklären sie uns, dass sie die Gabelrohre ohne Probleme geschweißt hätten. Vielen Dank, aber ihr hättet einige Tage vorher eintreffen müssen, bevor wir Hilfe angefordert haben. Wir hätten es auf jeden Fall ausprobiert.

In La Goulette treffen wir auch Ben wieder. Wir gehen abends mit ihm essen und bedanken uns für seine Hilfe.

Am nächsten Tag gehe ich so dreckig wie meine Klamotten von den Wasserdurchfahrten sind auf das Schiff. Bei jedem Schritt bröckelt etwas davon auf den Boden. Erst stört es mich ein wenig, aber schon nach wenigen Minuten denke ich, dass, wenn wir erst mal auf dem Wasser sind, so oder so alles vollgebrochen wird von Denjenigen, die das Übersetzen mit Schiffen nicht vertragen, da kommt es auf einige Erdbrocken auch nicht mehr an. Ende Oktober treffen wir schließlich bei uns in Warstein ein.

Allen Ernstes, der Urlaub in Algerien hat mir sehr gut gefallen. Er hatte ein bisschen das Flair von Abenteuer.

 

Es grüßen euch Walter und Marion.